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KONRAD BOLLSTATTER UND DIE AUGSBURGER 
GESCHICHTSSCHREIBUNG 


Die letzte Schaffensperiode 
von Jürgen Wolf 

Mit dem wirtschaftlichen und politischen Aufstieg der Städte erwuchs in 
deren Führungsschichten ein Bedürfnis nach historischem Wissen und histo¬ 
rischer Legitimation. “Man wird sich der Stadt als einer geschichtlichen 
Größe bewußt.** 1 Besonders in den Metropolen des Reichs von Lübeck, Köln, 
Nürnberg bis nach Augsburg entwickelte sich, schon im späten 13. und 
frühen 14. Jahrhundert, wohl nicht zuletzt auf diesem Hintergrund eine 
umfängliche städtische Geschichtsschreibung. Zunächst noch vornehmlich 
den lateinischen Vorbildern verpflichtet, beginnt sich nach einer deudichen 
Zäsur, verursacht durch die Pestkatastrophe zur Jahrhundertmitte, in der 
zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine zunehmend eigenständige städtische 
Chronistik zu etablieren. Geprägt wurde die chronistische Arbeit nun vor 
allem durch zwei Faktoren. Zum einen ist die Suche nach den historischen 
Anfängen der jeweiligen Stadt zu nennen. Die unzähligen überlieferten Grün¬ 
dungslegenden geben ein eindrückliches Zeugnis von der Intensität derartiger 
Bemühungen. Zum anderen war die Verankerung der Stadtgeschichte in der 
universalen Weltgeschichte ein zentrales Anliegen. Zu diesem Zweck wurden 
anerkannt seriöse Universalchroniken wie die Chronik Martins von Troppau 
(MT), die ‘Sächsische Weltchronik 5 (SW), die ‘Flores Temporum 5 (FT) oder 
die Chronik Jacob Twingers von Königshofen (Königshofen) mit städtischen 
Aufzeichnungen kompiliert. Die Geschichte der Stadt konnte so auf der Folie 
der Universalgeschichte - in gewisser Weise analog zu den Taten der Kaiser, 
Könige, Päpste, weltlichen und geistlichen Herren - abgebildet werden. Hier 
zeigt sich die städtische ganz ähnlichen Motiven verpflichtet wie die dynasti¬ 
sche oder territoriale Geschichtsschreibung. Hier wie dort war Geschichts¬ 
schreibung mehr als nur Aufzeichnung von Vergangenheit und Gegenwart. 


1 C. Proksch, Klosterreform und Geschichtsschreibung im Spätmittelalter (Kollektive 
Einstellungen und sozialer Wandel im Mittelalter, NF Bd.2), Köln/Weimar/Wien 1994, S.16. 



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Wolf 


Im Spannungsfeld zwischen Verfasser, Auftraggeber und Adressat spielte stets 
die Propaganda für die eigene Sache, d.h. den König, den Fürsten oder wie 
hier die Stadt, eine wichtige, nicht selten sogar die entscheidende Rolle. 2 

Eine so umfangreiche chronistische Tradition, wie sie Augsburg - nach 
Aeneas Silvius Piccolomini immerhin eine der reichsten Städte der Welt 3 * - im 
15. Jahrhundert aufzuweisen hat, findet sich in kaum einer Stadt des Reichs. 
Daß sich in Augsburg eine derart produktive Geschichtsschreibung ausbilden 
konnte, hängt natürlich nur zum Teil mit der wirtschaftlichen Prosperität und 
der politischen Potenz der Stadt zusammen. Als Basis für ein aktives Ge¬ 
schichtsbewußtsein sind neben diesen vornehmlich materiellen Grundlagen 
auch, vermutlich in größerem Maße, soziokulturelle Entwicklungen inner¬ 
halb der reichsstädtischen Gesellschaft sowie durch Sozialisation und Bil¬ 
dungshorizont geprägte individuelle Interessen von Bedeutung. Vor allem 
jener Kreis von historisch Interessierten der städtischen Führungsschicht um 
Sigismund Gossenbrot, den Stadtschreiber Valentin Eber, die Mülichs und 
den Arzt Hermann Schedel schuf wichtige geistige Voraussetzungen für eine 
umfangreiche historiographisch-literarische Produktion. Gerade zu Beginn 
der Blütezeit der Augsburger Chronistik in den 1450er Jahren ist auch die 
Rolle der wohl bedeutendsten geistigen Institution der Stadt, des Klosters St. 
Ulrich und Afra, nicht zu unterschätzen. 

Dort, im Kloster, hat Sigismund Meisterlin auf Veranlassung Sigismund Gos¬ 
senbrots mit seiner ‘Cronographia Augustensium 5 (1456) das wohl größte stadt- 

2 Vgl. z.B. H. Schmidt, Die deutschen Städtechroniken als Spiegel des bürgerlichen 
Selbstverständnisses im Spätmittelalter (Schriftenreihe der hist. Komm, bei der Bay. Akad. der 
Wissenschaften 3), Göttingen 1958; den Sammelband von H. Patze (Hg.), Geschichtsschrei¬ 
bung und Geschichtsbewußtsein im späten Mittelalter (VuF 31), Sigmaringen 1987, und darin 
insb. die Beiträge von F. Graus, Funktionen der spätmittelalterlichen Geschichtsschreibung, 
S. 11-55, sowie H. Patze, Mäzene der Landesgeschichtsschreibung im späten Mittelalter, S.331- 
370; J.-M. Moeglin, Die Genealogie der Wittelsbacher: Politische Propaganda und Entstehung 
der territorialen Geschichtsschreibung in Bayern im Mittelalter, MIÖG 96 (1988) 33-54; ders.. 
Dynastisches Bewußtsein und Geschichtsschreibung. Zum Selbstverständnis der Wittelsba¬ 
cher, Habsburger und Hohenzollem im Spätmittelalter, HZ 256 (1993) 593-635, und B. Studt, 
Neue Zeitungen und politische Propaganda. Die ‘Speyrer Chronik* als Spiegel des Nachrichten¬ 
wesens im 15. Jahrhundert, ZGO 143 (1995) 145-219, bes. S.147 Anm. 10 zur Rolle der 
politischen Propaganda in der spätmittelalterlichen Geschichtsschreibung. 

3 F. Heer, Augsburger Bürgertum im Aufstieg Augsburgs zur Weltstadt (1275-1530), in: H. 

Rinn (Hg.), Augusta 955-1955. Forschungen und Studien zur Kultur und Wirtschaftsgeschichte 
Augsburgs, Augsburg 1955, S. 107-136, hier S.119; vgl. K. Schnith, Die Reichsstadt Augsburg 
im Spätmittelalter (1368-1493), in: G. Gottlieb et al. (Hgg.), Geschichte der Stadt Augsburg. 
2000 Jahre von der Römerzeit bis zur Gegenwart, Stuttgart 1984, S.153-165, hier S.164, und 
allg. R. Kiessling, Bürgerliche Gesellschaft und Kirche in Augsburg im Spätmittelalter. Ein 
Beitrag zur Strukturanalyse der oberdeutschen Reichsstadt (Abhh. zur Geschichte der Stadt 
Augsburg 21), Augsburg 1971; ders., Augsburg zwischen Mittelalter und Neuzeit, in: J. Jahn 
(Hg.), Augsburg Land (Historischer Atlas von Bayern. Teil Schwaben, Heft 11) , München 

1984, S.241-251; W. Zorn, Augsburg. Geschichte einer deutschen Stadt (zweite vermehrte 
Auflage), Augsburg 2 1972. 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


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chronistische Werk der Zeit geschaffen. Nach Meisterlins eigenen Ausführungen 
hatte er im Rahmen der Arbeit an diesem Projekt mgelaupüchen vil bucher gelesen 
und alles, das mir dienet jeglicher wiß, exzerpiert (Wolfenbüttel, HAB, Cod. Guelf. 
45.17 Aug. 2°, Bl.l va ; im folgenden als Meisterlin zitiert). Texte zur Universal- 
bzw. Stadtgeschichte müssen demnach in großer Zahl in der Klosterbibliothek 
bzw. in deren Umfeld verfügbar gewesen sein. Von den unter Meisterlin gesam¬ 
melten Schriften dürfte zu Beginn der 1460er Jahre Johannes Frank, 1458 in St. 
Ulrich und Afra zum Priester geweiht, profitiert haben. Seine ‘Augsburger Chro¬ 
nik* beschreibt die Jahre 1430-62. Für das auch nach Meisterlin und Frank 
ungebrochen fortbestehende historiographische Interesse des Klosters sprechen 
neben zahlreichen historischen Handschriften vor allem zwei Druckerzeugnisse 
der unter Abt Melchior eingerichteten Klosterdruckerei. Vermutlich im Jahr 1472 
erschien die ‘Historia Friderici Imperatoris 4 5 des Burchard von Ursperg und als 
einer der letzten Druckwerke des Klosters zwei Jahre später das ‘Speculum 
Historiale* des Vinzenz von Beauvais. 4 

Als Träger der chronistischen Blüte im Augsburg des 15. Jahrhunderts hat 
die Forschung neben mehreren anonym gebliebenen Autoren vor allem 
Küchlin, Erhard Wahraus, Sigismund Meisterlin, Johannes Frank, Hektor 
Mülich und Burkhard Zink namhaft gemacht. 5 Zu ergänzen wären hier die 
bisher wenig beachteten Drucker - allen voran Johann Bämler - mit ihren 
zahlreichen meist volkssprachlichen chronistischen Drucken. Mehr noch als 


4 Zum Burchard-Druck s.u. Anm. 36. Zum monastischen Historismus in St. Ulrich und 
Afra vgl. den richtungweisenden Beitrag von K. Graf, Ordensreform und Literatur in Augsburg 
während des 15. Jahrhunderts, in: J. Janota/W. Williams-Krapp (Hgg.), Literarisches Leben in 
Augsburg während des 15. Jahrhunderts (Studia Augustana 7), Tübingen 1995, S. 100-159, und 
zur Geschichte des Klosters allgemein W. Liebhart, Die Reichsabtei Sankt Ulrich und Afra zu 
Augsburg. Studien zu Besitz und Herrschaft (1006-1803) (Historischer Atlas von Bayern. Teil 
Schwaben. Reihe 11,1 Heft 2), München 1982. Zum Buchbestand der Klosterbibliothek vgl. P. 
Ruf (Bearb.), Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz, Bd. III, 1: 
Bistum Augsburg, München 1932, S.43-58; R. Schmidt, Reichenau und St. Gallen. Ihre 
literarische Überlieferung zur Zeit des Klosterhumanismus in St. Ulrich und Afra zu Augsburg 
um 1500 (VuF Sonderband 33), Sigmaringen 1985, S.66-85 (Schrank B: mind. 13 überwiegend 
lat Geschichtswerke; Schrank H: hagiographisches Schrifttum) und demnächst die Arbeit von 
Dr. R. Meyer, Augsburg. Zur Druckerei im Kloster vgl. F. Geldner, Die deutschen Inkunabel¬ 
drucker, Bd. 1: Das deutsche Sprachgebiet, Stuttgart 1968, S.138f., sowie grundlegend Schmidt, 
S.56-65, mit einem Verzeichnis der im Kloster bzw. im Auftrag des Klosters gedruckten 
Inkunabeln. 

5 Vgl. zusammenfassend D. Weber, Geschichtsschreibung in Augsburg. Hektor Mülich 
und die reichsstädtische Chronistik des Spätmittelalters (Abhh. zur Geschichte der Stadt 
Augsburg 30), Augsburg 1984, bes. S.32-46; W. Gehrt, Augsburger Rechtstexte und Chronistik, 
in: H. Gier/J.Janota (Hgg.), Von der Augsburger Bibelhandschrift zu Bertholt Brecht. Zeugnis¬ 
se der deutschen Literatur aus der Staats- und Stadtbibliothek und der Universitätsbibliothek 
Augsburg. Ausstellungskatalog, Augsburg 1991, S.187-202, und vor allem den von Janota/ 
Williams-Krapp herausgegebenen Tagungsband ‘literarisches Leben in Augsburg während des 
15. Jahrhunderts* [Anm. 4]. 



54 Wolf 

die Fülle der handschriftlichen Kopien historiographischer Texte läßt die 
zunächst von keiner Stadt im Reich erreichte Vielzahl der Chronikdrucke 
Augsburg als ein, vielleicht sogar das Zentrum der (volkssprachlichen) Ge¬ 
schichtsschreibung auf deutschem Boden erscheinen. Johann Bämler, Anton 
Sorg, Johann Schüßler, Johann Blaubirer, Johann Schönsberger, aber auch 
der Augsburger Erstdrucker Günther Zainer und das Kloster St. Ulrich und 
Afra haben über die 1480er Jahre hinaus quantitativ und qualitativ - viele der 
Chroniken wurden nicht nur in Augsburg gedruckt, sondern dort auch fiir 
den Druck aufbereitet, bearbeitet bzw. eigens hergestellt 6 - Augsburgs führen¬ 
de Position in diesem allerdings recht schmalen Marktsegment (deudich unter 
5% der Inkunabelproduktion) begründet. 

Allenfalls als unbedeutende Randfigur im Kreis der städtischen Chronisten 
taucht gelegendich auch der Name des durch seine zahlreich überlieferten 
Kopien erzählend-fiktionaler Texte bekannten Augsburger Berufsschreibers 
Konrad Bollstatter auf (1.). Daß dessen Rolle in der Augsburger Chronistik 
jedoch weitaus bedeutender ist, als bisher vermutet, haben bereits zahlreiche 
Neufiinde chronistischer Texte aus seiner Feder erahnen lassen. Anhand 
einzeln untersuchter Bollstatter-Codices (2.1-5) soll erstmals der Versuch 
unternommen werden, dessen chronistisches (Euvre in seiner Gesamtheit zu 
würdigen (3.). Einige biographische Bemerkungen seien vorangestellt. 


1. Konrad Bollstatter - Schreiber, Kompilator, Historiograph 7 

Konrad Bollstatter wurde um 1420 in Öttingen (Schwaben) als Sohn des 

6 An relevanten Drucken wären hier beispielsweise anzuführen: Johannes Bämler: Von 
dem Ursprung und Anfang des Heiligen Bergs zu Andechs’, 1473; Königshofen-Chronik, 1474; 
‘Buch von Troja I* mit Hans Mairs Übersetzung der ‘Historia destructionis Troiae*, 1474; 
Guidos de Columnis ‘Historia destructionis Troiae’, 1475; Königshofen-Bearbeitung, 1476; 
‘Ursprung und Anfang Augsburgs’, 1483; Günther Zainer: ‘Legenda Aurea’, 1470; Kloster St. 
Ulrich und Afra: Burchard von Ursperg, ca. 1472; ‘Speculum Historiale*, 1474; Johann 
Schüßler: ‘Historia Ecclesiastica Tripartita’, 1472; ‘Summa de potestate Ecdesiastica*, 1474; 
Johann Blaubirer: ‘Württemberger Chronik’, 1480; Anton Sorg: Nachdrucke des Bämlerschen 
‘Buchs von Troja I*, 1479, und Kellers [?] ‘Buch von Troja I’, 1482; Nachdruck der Bämler¬ 
schen Königshofen-Bearbeitung, 1480; Richenthals ‘Chronik vom Konstanzer Konzil’, 1482; 
Johann Schönsberger: Nachdruck der Bämlerschen Königshofen-Bearbeitung, 1487; drei Nach¬ 
drucke der Schedelschen Weltchronik, 1496-1500. 

Daß die Drucker bzw. deren Auftraggeber eben nicht nur für die technische Produktion, die 
Vervielfältigung, sondern auch für die literarische Aufbereitung des chronistischen Materials 
verantwortlich zeigen, wurde von der Forschung bisher kaum zur Kenntnis genommen; vgl. 
durchaus exemplarisch K A. Vogel, Hartmann Schedel als Kompilator. Notizen zu einem 
derzeit kaum bestellten Forschungsfeld, in: S. Füssel (Hg.), 500Jahre Schedelsche Weltchronik. 
Akten des interdisziplinären Symposions vom 23./24. April 1993 in Nürnberg (Pirckheimer- 
Jahrbuch 9), Nürnberg 1994, S.73-97. 

7 Zusammengefaßt nach K. Schneider, Ein Losbuch Konrad Bollstatters aus Cgm 312 der 
Bayer. Staatsbibliothek, Wiesbaden 1973, S.20-47; E. Grünenwald (Bearb.), Das älteste Lehen- 




Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


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Conrad Müller d.Ä. aus Deiningen geboren. 8 Sein Vater war als Schreiber bei 
den Grafen von Öttingen tätig. Nach dessen Tod (vor 1440) trat Konrad als 
Schreiber in öttingischen Diensten in die Fußstapfen seines Vaters. Konrad 
Bollstatter entstammt vermutlich einem illegitimen Zweig der adeligen Fami¬ 
lie Von Bollstadt’, denn er benutzte deren Wappen und Namen 9 , ohne in 
Nürnberger oder Augsburger Bürgerbüchern unter diesem Namen aufzutau¬ 
chen. Verwirrend ist, daß er sich neben der Namensform Bollstatter auch 
verschiedener anderer Namen wie Müller/Molitor und Lappleder bedient. 
Vollends komplett wird die Verwirrung, berücksichtigt man die in seinen 
Arbeiten verwendeten Pseudonyme bzw. “scherzhaften Schreibersignaturen* 


buch der Grafschaft Öttingen. 14. Jahrhundert bis 1477, Bd. 1: Einleitung (Schwab. For- 
schungsgem. bei der Komm, für bayer. Landesgesch. V,2,l), Öttingen 1975, hier bes. S.74-81; 
K Schneider, Konrad Bollstatter, 2 VL, Bd.l, 1978, Sp. 931-933 (dort die gesamte ältere 
Literatur); K. Gärtner, Bollstatters Spruchsammlung, 2 VL, Bd.l, 1978, Sp. 933-935; V. Mer¬ 
tens, Konrad Bollstatter, LMA 2 (1983) 369f.; G. Kornrumpf, Konrad Bollstatter, in: W. Killy 
(Hg.), Literaturlexikon 2 (1989) 98f.; E. Grünenwald, Rieser Biographien (1993) 271-273 sowie 
K. Schneider, Berufs- und Amateurschreiber, in: Janota/Wiluams-Krapp [Anm. 4], S. 8-26, 
und den NDB-Artikel von K. Graf (‘Konrad Müller’). Neuere Erkenntnisse zur literarischen 
Produktion Bollstatters und seinen Handschriften finden sich in den Arbeiten von H. J. 
Koppitz, Studien zur Tradierung der weldichen mittelhochdeutschen Epik im 15. und begin¬ 
nenden 16. Jahrhundert, München 1980, S.51-55; Weber [Anm. 5], bes. S.44f.; K. Graf, 
Exemplarische Geschichten. Thomas Lirers ‘Schwäbische Chronik’ und die ‘Gmünder Kaiser¬ 
chronik’ (Forschungen zur Gesch. d. älteren dt. Lit. 7), München 1987, S.192f., 197f. u. 201f. 
(mit neuen Handschriften); ders., Staufer-Überlieferung aus Kloster Lorch, in: S. Lorenz/U. 
Schmidt (Hgg.), Von Schwaben bis Jerusalem: Facetten staufischer Geschichte (Veröff. des 
Alemannischen Instituts Freiburg i.Br. 61), Sigmaringen 1995, S.209-240, hier S.224, 228 
Anm.113, 230f.; ders., Ordensreform und Literatur [Anm. 4], bes. S. 146; H. Blosen: Die 
Fünfzehn Vorzeichen des Jüngsten Gerichts im Kopenhagener und im Berliner Weltgerichts¬ 
spiel, in: W. Dinkelacker/L. Grenzmann/W. Höver (Hgg )Ja muz ich sunder riuwe sin: Fs. Karl 
Stackmann, Göttingen 1990, S.206-231, und J. Wolf, Die Sächsische Weltchronik im Spiegel 
ihrer Handschriften. Überlieferung, Textentwicklung, Rezeption, Phil. Diss. Marburg 1995 
[erscheint in den Münsterschen Mittelalter-Schriften], Kap. 2: Schreiber. Im chronistischen 
Zusammenhang nach wie vor bedeutsam sind die älteren Arbeiten von P. Joachimsohn, Zur 
städtischen und klösterlichen Geschichtsschreibung Augsburgs im fünfzehnten Jahrhundert, 
Alemannia 22 (1894) 1-32 u. 123-159 (S. 139-155 Anhang A: Teilabdruck der Meisterlin- 
Bearbeitung Bollstatters); ders., Die humanistische Geschichtsschreibung in Deutschland, Heft 
1. Die Anfänge. Sigismund Meisterlin, Bonn 1895, S.84-90, und K. Schnith, Die Augsburger 
Chronik des Burkhard Zink, Phil. Diss. München 1958. 

8 Daß es sich bei Konrad d.Ä. und Konrad d.J. um Vater und Sohn handelt, weist 
Grünenwald [Anm. 7], S.67 Anm. 205 u. S.75, anhand des Jahrtagsstiftungsbriefs von 1447 
nach. Vgl. E. Kiepe-Wilms, Konrad Öttinger, 2 VL, Bd.7, 1989, Sp. 205f. 

9 Zum Bollstatter-Wappen in der für Jörg Sulzer im Jahr 1481 angefertigten ‘Biblia 
Pauperum’ (Prag, Nationalmuseum, Cod. XVI. A.6) vgl. H. Appuhn (Hg.), Johann Siebmachers 
Wappenbuch von 1605, Dortmund 1988, T.l, Nr. 120, und KA. Wirth, Wer aber die... chvnigein 
[von Saba] sey gewesen, das vindetman selten geschriben, Vestigia Bibliae 9/10 (1987/88) 471-533, 
hier S.495 Abb.28 (Bollstatter-Wappen mit Explicit). 



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Wolf 


Amerel, Johannes Seydenswantz 10 und Bundschuh . Im Alterswerk beschränkt sich 
Bollstatter in der Regel auf den Namenszug Konrad Bottstatter mit den entspre¬ 
chenden Zusätzen wie Schreyher und/oder von Öttingen , n Nur in der Meister- 
lin-Bearbeitung aus den Jahren 1479-81 wird ein Zwischenabschnitt zusätz¬ 
lich mit dem Pseudonym Amerel signiert (s.u.). 

Die frühesten datierten Belege zeigen Konrad Bollstatter während der Jahre 
1446-1453 in Diensten der Grafen von Öttingen. Von seiner Hand stammen 
Einträge im öttingischen Lehnbuch zu den Jahren 1446-1453 12 . Während 
dieser Zeit machte er sich mit den Bibliotheken der Grafen von Öttingen 13 
vertraut. Viele Werke und ‘Helden’ aus öttingischen Handschriften begegnen 
später in seinen eigenen Texten. In Höchstadt an der Donau, wo er den 
‘Wilhelm von Orlens’ abschrieb, ist er 1455 und 1458 nachweisbar. In den 
Jahren bis 1458 scheint Bollstatter auch mehrfach als Notar oder Schreiber 
auf Burg Hohenrechberg tätig gewesen zu sein. Anfang der 1460er Jahre 
verliert sich wohl infolge der Kriegswirren im schwäbischen Ries seine Spur. 
Einige Indizien sprechen dafür, daß er sich während dieser Zeit zumindest 
zeitweilig in Aalen aufhielt. Möglicherweise lernte er dort den chronistisch¬ 
literarisch produktiven Aalener Stadtschreiber 14 und dessen zeitweiligen Stell- 


10 Vgl. W. Röll: Besprechung: Die deutschen Handschriften der Bayerischen Staatsbiblio¬ 
thek München. Cgm 201-350. Neu beschrieben von K. Schneider, PBB 95 (Tüb. 1973) 491- 
496, hier S.495 mit Anmerkungen zu diesem und weiteren Namen, sowie K. Schneider, 
Johannes Seidenswantz, 2 VL, Bd.8, 1992, Sp. 1050. 

11 Bekannt sind folgende Namensformen (normalisiert): 

- Konrad Bollstatter 

- Konrad Bollstatter von Öttingen 

- Konrad Bollstatter, genannt Müller der Schreiber von Öttingen 

- Konrad Lappleder von Deiningen, genannt Bollstatter 

- Konrad Müller 

- Konrad Molitor/Müller de Öttingen 

- Konrad Scriptor/Schreiber (CS) 

- Konrad Schreiber von Öttingen (CSO) 

- Konrad Schreiber von Öttingen Bollstatter (CSVOB). 

Ein Verzeichnis der zahlreichen Namensvarianten findet sich bei Grünenwald [Anm. 7], 
S.74 Anmm. 268 u. 270. Das Verzeichnis ist um die in Bollstatters ‘Augsburger Stadt- 
Weltchronik* benutzte Variante C[onradus] S[chreyber] V[on] 0[ettingen] Bfollstatter] zu 
erweitern. 

12 Vgl. Schneider, Losbuch [Anm. 7 ], S.23 bes. Anm. 1, und Grünenwald [Anm. 7], 
S.75f. 

13 Zu den Bibliotheken der Grafen von Öttingen vgl. P. Weissenberger, Das älteste 
Bücherverzeichnis der Grafen von Öttingen-Wallerstein, in: H. Gürsching (Hg.), Fs. Karl 
Schombaum, Neustadt a.d. Aisch 1950, S.58-60 (Verzeichnis 1436), und MBKIII,1, [Anm. 4], 
S. 158-161 (Verzeichnisse von Graf Ludwig und Graf Wilhelm um 1462 und 1466-67). 

14 Bisher ist es nicht gelungen, die Geheimnisse um die Identität des Aalener Stadtschrei¬ 
bers zu lüften. Alles, was wir über ihn wissen, bezieht sich auf seine Tätigkeiten. Der erste Beleg 
für sein Wirken in Aalen datiert aus dem Jahr 1436, der letzte aus dem Jahr 1477. Bis auf wenige 
Ausnahmen in den Jahren 1438, 1455-56, 1462 und 1467-68 stammen alle Aalener Missiven 
innerhalb dieser 40-jährigen Spanne von der Hand dieses Schreibers; vgl. Graf, Exemplarische 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


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Vertreter Heinrich von Rang kennen. In jedem Fall finden wir den bedeutend¬ 
sten Codex des Aalener Stadtschreibers, eine Anno UlV( 1465) vollendete 
und mit einer bis ins Jahr 1460 reichenden Fortsetzung versehene ‘Sächsische 
Weltchronik 5 samt einer ‘Gmünder Kaiserchronik 5 (GK) 15 bald nach der 
Fertigstellung in den Händen Bollstatters. Diesem Codex kommt in Bollstat- 
ters chronistischen Schaffen, wie noch zu zeigen sein wird, eine besondere 
Bedeutung zu. 

Spätestens Anfang 1466 wird Bollstatter in Augsburg seßhaft. Erstmals 
nachweisbar ist er dort am 8. Februar 1466. 16 Seine Schreibertätigkeit konzen¬ 
triert sich nun, im städtischen Umfeld, mehr und mehr auf das Kopieren bzw. 
redaktionelle Bearbeiten chronistischer Vorlagen. Zu den ersten in Augsburg 
angefertigten Texten gehören die Kopie des ‘Stadtratsgedichts 5 des Heinrich 
von Rang 17 (um 1468/69), ein Königshofen-Nachtrag in Cgm 568 18 (nach 
1470) und eine SW samt Fortsetzung 19 (um 1474). Alle drei Codices scheinen 
für Bollstatters eigene Textsammlung bestimmt gewesen zu sein. Sie wurden 
von ihm im Laufe der 1470er Jahre noch oft bei seinen chronistischen 
Arbeiten genutzt. 

Über Bollstatters Lebensumstände während der Augsburger Zeit ist wenig 
bekannt. Verschiedene Schreibereinträge aus der Zeit von 1466 bis 1482 
weisen ihn mehrfach als Augsburger Bürger aus. Besonders deutlich hebt er 


Geschichten [Anm. 7], S. 193-201, bes. S.197. 

15 Augsburg, Stadtarchiv, Schätze 121, Bl. 59 ra -160 vb . Handschriftenbeschreibung: Wolf, 
Sächsische Weltchronik [Anm. 7] unter der Sigle 024; vgl. Graf, Exemplarische Geschichten 
[Anm. 7], S.192E, 197f. u.ö. 

16 Schneider, Losbuch [Anm. 7], S.23 u. 27. 

17 London, British Library, Add. 16581, Bl. 203 v -212 r . Heinrich von Rang, möglicherweise 
ein illegitimer Abkömmling des fränkischen Adelsgeschlechts der Rechenberger, wurde 1429 
geboren. 1454 war er ‘prefectus’ in Westhausen bei Aalen, und kurz danach oder davor muß er 
in Aalen evtl, als Stadtschreiber tätig gewesen sein, vielleicht als Ersatz für den kurzzeitig (1455- 
56) abwesenden etatmäßigen Stadtschreiber. 1458 siedelte Heinrich nach Augsburg über, wo er 
bis zu seinem Tod im Jahr 1472 vermutlich einen Verwaltungsposten im Kloster St. Ulrich und 
Afra inne hatte. Ob Bollstatter Heinrich von Rang erst in Augsburg kennenlemte oder bereits 
früher in Aalen oder im Umfeld seiner Tätigkeiten bei den Rechenbergem mit ihm in Kontakt 
kam, bleibt offen. Vgl. K. Gärtner, Heinrich von Rang, 2 VL, Bd. 3,1981, Sp. 865-867; ders., 
Bollstatters Spruchsammlung, 2 VL, Bd. 1,1978, Sp. 933-935, und zur Herkunft Graf, Ordens¬ 
reform und Literatur [Anm. 4], S. 138, Anm. 160. 

18 Zum Königshofen-Nachtrag s.u.; vgl. die Katalogbeschreibung von K Schneider, Die 
deutschen Handschriften der Bayer. Staatsbibliothek. Cgm 501-690 (Catalogus codicum manu 
scriptorum Bibliothecae Monacensis V,4), München 1978, S. 151-158. 

19 Augsburg, Stadtarchiv, Schätze 19 (= SW 023). Die Fortsetzung des am Ende verstüm¬ 
melten Codex bricht mit Berichten zu den Jahren 1445/1457 unvollständig ab, reichte aber mit 
Sicherheit über die mit dem Jahr 1460 schließende Teilvorlage (Schätze 121) hinaus. Kodikolo- 
gischer Befund (drei Ochsenkopf-, ein Turm- und ein Kronenwasserzeichen aus der Zeit um 
1470 sind nachweisbar) und die weitere Geschichte des Codex (u.a. Korrekturvorlage für die 
1476 vollendete ‘Augsburger Stadt-Weltchronik’ Bollstatters) schränken das Entstehungsdatum 



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Wolf 


dies am Schluß seiner 1477 angefertigten Königshofen-Fortsetzung und seiner 
für den Augsburger Bürgermeister Jörg Sulzer im Jahr 1481 vollendeten 
‘Armenbiber hervor. In beiden Texten heißt es Conrade Schreybem von Ötin - 
gen, derzeit wonhafft zü Augspurg (Cgm 7366,208 r ) bzw .yetzwonhajft daselbst zu 
Augspurg (Prag, Nationalmuseum, Ms. XVI. A.6, 166 r ). 20 Nur wenig mehr 
geben seine literarischen Erzeugnisse und deren Quellen preis. Aus seiner 
‘Augsburger Stadt-Weltchronik’ ist natürlich ein besonderes Interesse für 
seinen Wohnort abzuleiten, aber der möglicherweise aufschlußreiche zeitge¬ 
nössische Teil fehlt. 21 Die letzte Arbeit, das sogenannte ‘Berliner Weltge- 
richtsspieP, datiert aus dem Jahr 1482. 22 Kurz danach wird Konrad Bollstatter 
verstorben sein. Der von K. Schneider recht plausibel mit unserem Schreiber 
in Verbindung gebrachte Conrad oder Cunrad Müller bezahlte stets nur den 
niedrigsten Steuersatz von 60 Pfennigen, ab 1480 sogar nur noch 45 Pfennige. 
Vermögen, Grund oder Haus besaß er nicht. 23 Trotz seiner bescheidenen 
finanziellen Verhältnisse scheint Bollstatter während seiner Augsburger Zeit 
neben kleineren 24 vielleicht auch zwei größere Reisen unternommen zu ha¬ 
ben. Einige allerdings zweifelhafte Hinweise in der Losbuchsammlung Cgm 
312 und einem Pilgerführer in Cgm 735 deuten auf Reisen in die Niederlande 
(1455, 1461, 1481) 25 und das Heilige Land. 26 


auf die frühen 1470er Jahre ein. 

20 Vgl. Grünenwald [Anm. 7], S.74f. Anm. 270. 

21 J. Wolf, Die ‘Augsburger Stadt-Weltchronik’ Konrad Bollstatters. Untersuchung und 
Edition, Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 87 (1995) 13-38. 

22 Berlin, SB, Mgf 722. Edition: U. Schulze (Hg.), Berliner Weltgerichtsspiel. Augsburger 
Buch vom Jüngsten Gericht. Ms. germ. fol. 722 der Staatsbibliothek Stiftung Preußischer 
Kulturbesitz. Abbildung der Handschrift mit einer Einleitung und Texttranskription (Litterae 
114), Göppingen 1991. Vgl. H. Rosenfeld: ‘Berliner WeltgerichtsspieP, 2 VL, Bd. 1, 1978, Sp. 
735-737, und Blosen [Anm. 7J. 

23 Vgl. Schneider, Losbuch [Anm. 7] S.29-31. 

24 Verschiedene chronikale Textbruchstücke in dem in den Jahren 1472-82 angefertigten 
Cgm 735 weisen unter anderem auf einen Besuch in Nürnberg hin. Die Bruchstücke sind 
exzerpiert aus einer damals in Nürnberg wohl im Besitz des dortigen Karmeliterklosters 
befindlichen Handschrift (Wolfenbüttel, HAB, Cod. Guelfi, 23.8. Aug. 4°: Brauner Holz- 
Ledereinband mit Einhomstempel, eine Schließe mit eingepreßtem Schriftband „mari[ a]“; 
typisch für das Nürnberger Karmeliterkloster zwischen 1462 und 1491; vgl. E. Kyriss, Verzierte 
gotische Einbände im alten deutschen Sprachgebiet, Textbd., Stuttgart 1951 u. Tafelbd. 1-3, 
Stuttgart 1953-1958, hier Textbd. S.60-63 u. Taf. 9 sowie Tafelbd. 1, S.14 u. Taf. 51, Nr. 6.). Die 
Nachträge in diesem Codex zur Überführung der Reichskleinodien im Jahr 1424 nach Nürn¬ 
berg, zu einem zweiten Ereignis im 15. Jahrhundert (rasiert) und zum Verbot der Priesterehe 
unter Papst Calixtus I. (217-222) stimmen in Anordnung und Wortlaut exakt mit den Bollstat- 
ter-Einträgen in Cgm 735 (120 v ) überein. Da sich in Bollstatters Fassung sogar die defekten 
Passagen der Wolfenbütteier Handschrift nur notdürftig korrigiert wiederfinden, ist an einer 
direkten Abhängigkeit nicht zu zweifeln. 

25 H. Lehmann-Haupt, Schwäbische Federzeichnungen. Studien zur Buchillustration Augs¬ 
burgs im XV. Jahrhundert, Berlin 1929, S.112,114 u. 204f. Nr. 21,6: Einträge in der Losbuch¬ 
sammlung Cgm 312: „Neladam“, JVeladamym Niderlandf (= Madalen?) zu den Jahren 1455 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


59 


Vornehmlich während der Augsburger Jahre fertigte Bollstatter mindestens 
17 Codices vollständig oder in Teilen an. Des weiteren versah er seine 
Handschrift der Chronik des Jakob Twinger von Königshofen (Cgm 568) und 
seinen Königshofen-Druck (Cgm 7366) mit handschriftlichen Notizen, Er¬ 
gänzungen und Fortsetzungen. Marginalien von seiner Hand finden sich 
zudem in seiner FT-Handschrift. 27 Bei der bereits jetzt beeindruckenden Liste 
sind die sicher zahlreichen Verluste in den vergangenen fünf Jahrhunderten 
noch zu bedenken. 

Bollstatter-Handschriften 28 : 

1. Cgm 312 = Losbuchsammlung. 

2. Cgm 252 = Ludolfs von Sudheim ‘Reise ins hl. Land’, ‘Lucidarius 5 , 
Mandevilles ‘Reisen 5 , Pilatuslegende, Nicodemusevangelium, ‘Marco 
Polo 5 , ‘Melibeus und Prudentia 5 , Prozeßbüchlein, ‘Eckenlied 5 -Bruch- 
stücke, Losbücher, ‘Compendium historiae in genealogia Christi 5 (dt.) 
des Petrus Pictaviensis, ‘Spiegel menschlicher Behältnis 5 , ‘Griseldis 5 , 
‘Guiskard und Sigismunda 5 , ‘Ackermann 5 , ‘Melusine 5 , ‘Historia Hiero- 
solymitana 5 , ‘De claris mulieribus 5 (alles dt., meist fragmentarisch, z.T. 
aus älteren Handschriften stammende Fragmente). 


(Losbuch Nr. IV), 1461 und 1481 (Losbuch Nr. VI). Lehmann-Haupt sieht den Namen im 
Bezug zu dem Ort Madeleine bei Lille. Schneider, Losbuch [Anm. 7], S.25f., untersucht den 
Gebrauch des Namens ‘Madalen 5 bei Bollstatter und kommt zu dem Schluß, daß es sich kaum 
um den von Lehmann-Haupt genannten Ort Madeleine bei Lille, sondern eher um den 
Frauennamen ‘Magdalena* handeln dürfte. Für eine Reise Bollstatters liegen laut Schneider 
keine konkreten Hinweise vor. 

26 Schneider, Losbuch [Anm. 7], S.31f., druckt den entscheidenden Passus des singulär in 
Cgm 735 überlieferten Reiseführers für Pilgerer ins Heilige Land ab. Der Reiseführer enthält - 
wahrscheinlich nur stilisiert als eigene Erfahrungen ([...] und ich mitt mein selbs leyb unwirdiger 
zwür versücht hon) - praktische Ratschläge; vgl. D. Huschenbett: Pilgerreiseberichte über 
Palästina, 2VL, Bd. 7,1989, Sp. 687-696, hier Sp. 690 Nr. 19. 

27 Die ‘Flores Temporum*-Übersetzung (Teil C) findet sich gemeinsam mit der SW des 
Aalener Stadtschreibers (Teil B) in dem Augsburger Sammelcodex Schätze 121. Da einzelne 
Angaben aus dem ‘Flores’-Codex wörtlich in der SW-Bearbeitung auftauchen (s.u.), muß 
Bollstatter auch diese Chronik spätestens zu Beginn der 1470er Jahre erworben/erhalten haben. 
Beide Teile wurden jedoch vermutlich erst im 16. Jahrhundert im Auftrag des damaligen 
Besitzers Paul Hector Mair zu einem Band vereinigt (Wasserzeichen des zum Einband gehören¬ 
den letzten Blattes: Buchstabe ‘P*: Piccard: IV,3, Abt. XVII, 695/696 [Augsburg, Kitzbühel 
1568]). 

28 Ein Verzeichnis mit 13 Handschriften und der von Bollstatter intensiv bearbeiteten 
Königshofen-Inkunabel befindet sich bei Schneider, Losbuch [Anm. 7], S. 17-19, und Koppitz 
[Anm. 7], S.52-53, der zusätzlich noch auf die Eintragungen im Öttinger Lehnbuch aufmerk¬ 
sam macht. Zu ergänzen sind die von Graf, Exemplarische Geschichten [Anm. 7], wiederent¬ 
deckten und von Wolf, Sächsische Weltchronik [Anm. 7], eingehend beschriebenen Augsbur¬ 
ger Schätze-Handschriften 19 (‘Sächsische Weltchronik’) und 121 (Faszikel A: Petrus Pictavien¬ 
sis ‘Compendium*, ‘Vom bösen Judas Sarioth* und C: ‘Flores Temporum’, z.T. von Bollstatter 
glossiert) sowie der von Wolf, ‘Augsburger Stadt-Weltchronik’ [Anm. 21], publizierte Fund der 
‘Augsburger Stadt-Weltchronik’ (Alba Iulia). 



60 


Wolf 


3. Cgm 213 = Meisterlins ‘Augsburger Chronik’ (Bearbeitung und Fortset- 
zung). 

4. Heidelberg, UB, Cpg 4 = Rudolfs von Ems 'Wilhelm von Orlens’, 
kleinere Gedichte, Suchenwirts ‘Liebe und Schönheit’. 29 

5. Wolfenbüttel, HAB, Cod.Guelf. 75.10 Aug. 2° = ‘Apollonius von Ty- 
rus’, ‘Griseldis’, ‘Guiskard und Sigismunda’, ‘Ackermann’. 

6. Wolfenbüttel, HAB, Cod.Guelf. 37.17 Aug. 2° — Konrads von Megen- 
berg ‘Buch der Natur’. 

7. Berlin, SB, Mgf 564 = Sprüche des Teichners, Gedicht Bollstatters. 30 

8. Berlin, SB, Mgf 722 = ‘Berliner WeltgerichtsspieP 

9. Prag, Nationalmuseum, Cod. XVI. A.6 = ‘Armenbibel’ 

10. London, Brit. Mus., Add. 16581 = Traktate des Albertanus von Brescia 
(dt.), Johannes' von Indersdorf ’Fürstenlehre’ (Ausschnitte), Spruch¬ 
sammlung, Hugos von Trimberg ‘Renner’ (Ausschnitte), Freidanks ‘Be¬ 
scheidenheit’, ‘Cato’ (dt.). 31 

11. Cgm 463 = zwei Heinzelin-Traktate. 

12. Cgm 758 = Sterbebücher, Eucharistietraktat. 

13. Cgm 735 = Pilgerbücher, Klosterchroniken, Texte zur Geschichte der 
Staufer und des Klosters Lorch (Teilübersetzung aus dem Burchard- 
Druck des Klosters St. Ulrich und Afra von 1472, mit Ergänzungen), 
Legenden, GK, chronikale Bruchstücke. 

14. Cgm 7366 (umsigniert, ehern. 2° Inc. s. a. 767, bei Schneider und 
Koppitz noch als vermißt aufgefuhrt) = Königshofen-Druck (Hain 9791) 
mit hsl. Ergänzungen, Marginalien und Fortsetzungen Bollstatters. 

15. Einträge im öttingischen Lehnbuch. 

16. Alba Iulia, Bibi. Batthyaneum, Ms. 1.115 (SW 022) = ‘Augsburger Stadt- 
Weltchronik’. 

17. Augsburg, Stadtarchiv, Schätze 19 (SW 023) = ‘SW’ mit Fortsetzung. 

18. Augsburg, Stadtarchiv, Schätze 121 (SW 024) = Teil A: ‘Compendium 
historiae in genealogia Christi’ (dt.) des Petrus Pictaviensis, und ‘Vom 
bösen Judas Sarioth’ sowie Teil C: Marginalien in den ‘Flores tempo- 
rum’ (dt.). 

19. Cgm 568 (Erlinger-Codex) = Königshofen, Ulrichslegende, versch. lat. 
Traktate u. Gedichte, Auszug aus Hugos von Trimberg ‘Renner’; von 
der Hand Bollstatters stammen Nachträge im Königshofen-Teil. 


29 Vgl. E. Nellmann: Wilhelm von Orlens'-Handschriften, in: J. Janota/P. Sappler/F. 
Schanze/K. Vollmann/G. Vollmann-Profe/H.-J. Ziegeler (Hgg.), Fs. W. Haug und B. Wa- 
chinger, Tübingen 1992, S.565-587, hier S. 570 Nr. 14. 

30 Das Gedicht Von des tüfels töchtem’ aus diesem Codex druckt H. Schmidt-Warten¬ 
berg, Journal of Germanic Philology 1 (1897) 249f., ab. 

31 K. Gärtner , Aus Konrad Bollstatters Spruchsammlung. Die Vierzeilerreihe Wergetauffl 
ist und in rechtem glauben statt, in: Fs. Haug/Wachinger [Anm. 29], S.803-825 (mit Teiledition). 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


61 


2. Konrad Bollstatter und die Geschichtsschreibung 

Daß Konrad Bollstatter, anders als P. Joachimsohn resümierend in seinem 
noch immer grundlegenden Werk zur humanistischen Geschichtsschreibung 
in Augsburg feststellt, mehr als nur „Abschreiber - vielleicht gar nur ein 
Lohnschreiber und Illuminist“ 32 - war, ist seit längerem durch die Forschun¬ 
gen zu dessen Losbuchsammlungen, die epischen Texte, die Spruchsamm¬ 
lung und das ‘Berliner Weltgerichtsspiel 5 erwiesen. Wenn H. Blosen Bollstat¬ 
ter jüngst als “Schreiber, Redaktor und - in bescheidenen Grenzen - Dichter, 
und oft alles auf einmar bezeichnet, trifft dies sicher den Kern der Sache. 33 
Sein chronikalisches Werk bleibt bei dieser Bewertung jedoch weitgehend 
ausgespart. Einzelne chronikale Handschriften waren zwar bekannt, wurden 
aber ob ihrer geringen textkritischen Bedeutung nicht gesondert untersucht. 
Handelte es sich doch scheinbar um allenfalls leicht bearbeitete Kopien bzw. 
Kompilationen bekannter Welt-, Kloster- und Stadtchroniken. Mehr als „ge¬ 
radezu philologische Bemühungen um den Text“, die Freiheit zur Interpolati¬ 
on einiger Kurztexte (Graf, S.198) oder „eigene literarische Ambitionen“, die 
sich auf die freilich „recht geschickt in Meisterlin eingestreuten eigenen 
Bildungsfrüchte“ beschränken (Weber, S.44), wollte man ihm nicht zugeste¬ 
hen 34 . Von dem Autor oder dem ‘Historiographen 5 Konrad Bollstatter wurde 
kaum gesprochen, obwohl bereits K. Schneider mit Blick auf dessen Meister- 
lin-Bearbeitung und den Cgm 735 anmerkt, daß sich Bollstatter „überhaupt 
mit zunehmendem Alter viel mit Geschichtsschreibung befaßt zu haben“ 
scheint. 35 

Einige Neufunde chronikaler Bollstatter-Handschriften in der jüngsten 
Vergangenheit lassen Bollstatters Augsburger Schaffensperiode in einem neu¬ 
en Licht erscheinen. Zentrale Bedeutung kommt bei dieser Neubewertung 
dem Königshofen-Nachtrag (Cgm 568), der von ihm überarbeiteten und 
aktualisierten SW (Augsburg, StA, Schätze 19), seiner ‘Augsburger Stadt- 
Weltchronik 5 (Alba Iulia), seinem intensiv überarbeiteten Bämlerschen Kö¬ 
nigshofen-Druck (Cgm 7366) und seiner Meisterlin-Bearbeitung (Cgm 213) 
zu. Noch ungeklärt ist, welche Rolle in diesem Zusammenhang eine neuer¬ 
dings Konrad Bollstatter zugeschriebene Burchard-Übersetzung spielt. Ein 
Exemplar der im Kloster St. Ulrich und Afra im Druck erschienenen ‘Chro¬ 
nik 5 Burchards von Ursperg (GW 5737) wurde wohl bald nach dem Erschei¬ 
nen (1472 o. 1473) von Bollstatter übersetzt, bearbeitet und ergänzt. In 
Bollstatters Exzerptensammlung Cgm 735 finden sich Teile dieser Burchard- 


32 Joachimsohn, Humanistische Geschichtsschreibung [Anm. 7], S.90. 

33 Blosen [Anm. 7], S.222. 

34 Vgl. Kopprrz [Anm. 7], S.54£; Weber [Anm. 5], S.44£, und Graf, Exemplarische 
Geschichten [Anm. 7], S.197f£ 

35 Schneider Losbuch [Anm. 7], S.29; vgl. ebd. S.46. 



62 


Wolf 


Übersetzung. “[Der] enthaltene Abschnitt über Lorch begnügt sich nicht mit 
einer bloßen Übersetzung des Inkunabelvorspanns. Die 1481 datierte Passage 
beginnt zwar mit einer Übertragung des Hystoria-Textes, gibt dann jedoch 
selbständig die Liste Hec sunt nominafundatorum (fol. 88-88 v ) und die deutsche 
Stiftertafel (fol. 88 v -89 v ). In der abschließenden Übersetzung der Reliquienli¬ 
ste (fol. 89 v -91 v ) deuten kleinere Abweichungen von der Vorlage (z.B. die 
Ergänzung des Königstitels bei dem Brief an Abgar) daraufhin, daß Bollstat- 
ter sich um Verbesserungen bemüht hat.” Eine vollständige Handschrift 
dieser Burchard-Übersetzung liegt im Dresdener Codex H 171 vor. Freilich 
handelt es sich bei dem Dresdener Codex nicht um das Bollstatter-Autograph, 
sondern um eine wohl um 1500 entstandene automahe Abschrift. 36 

Bereits die bloße Auflistung der chronistischen Texte Konrad Bollstatters 
zeigt, daß die Augsburger Geschichtsschreibung ihm weit mehr verdankt, als 
man bisher vermutete. 

2.1. Bollstatters Königshofen-Nachtrag (München, SB, Cgm 568) 

Die im Stile eines universalhistorischen Kompendiums angelegte Chronik 
des Straßburgers Jacob Twinger von Königshofen 37 avancierte bereits wenige 
Jahre nach der Fertigstellung zu einer der beliebtesten Universalchroniken im 
deutschsprachigen Raum. Jörg Rephon brachte in den 40er Jahren des 15. 
Jahrhunderts aus Konstanz ein erstes Königshofen-Exemplar (Heidelberg, 
UB, Cpg 475) in seine Heimatstadt Augsburg mit. Sein Codex (Rezension D) 
enthielt eine bereits bearbeitete und stark gekürzte A-Version ohne die Vorre¬ 
de, aber mit Einschüben aus der Redaktion C 38 , einen Nachtrag zur Ermor¬ 
dung Bischof Wilhelms von Lausanne 1406, die von 1256 bis 1388 reichen¬ 
den Konstanzer Annalen, ein Verzeichnis der Bischöfe von Konstanz und 
Aufzeichnungen von Jörg Rephon selbst 39 . Die Qualität des neuen Werks 


36 Zu der wohl auf Bollstatter selbst zurückgehenden Burchard-Übersetzung vgl. Graf, 
Staufer-Überlieferung [Anm. 7], S.224 (Zitat) und 230f.; W. Wulz, Der staufische Geschichts¬ 
schreiber Burchard von Ursberg (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 18), Stuttgart 
1982, S.221,239-241 (Dresdener Übersetzung) und 23 lf. (Inkunabel). Eine genauere Untersu¬ 
chung des Drucks, der Exzerpte in Cgm 735 und vor allem des relevanten Burchard-Textzeugen 
der sächs. Landesbibliothek Dresden (Cod. H 171: um 1500, vermudich Abschrift eines 
verschollenen Bollstatter-Codex) bereitet Dr. K. Graf, Bielefeld, vor. Für die Informationen zur 
Bollstatterschen Burchard-Übersetzung bin ich Dr. Graf zu großem Dank verpflichtet. 

37 Zitierte Edition: Jacob Twinger von Königshofen, Chronik, hg. von C. Hegel, in: Die 
Chroniken der deutschen Städte 8 (1870) 153-408 und 9 (1871) 1-917. Im folgenden als 
Königshofen zitiert. 

38 Besonders charakteristisch ist ein aus C interpolierter Bericht zum Kreuzzug Sigismunds 
gegen die Türken und dessen Niederlage bei Nikopolis 1396 (Königshofen [Anm. 37], S.854- 
857). 

39 Vgl. zu diesem Codex die Beschreibungen bei K. Bartsch, Die altdeutschen Handschrif¬ 
ten der UB in Heidelberg (Katalog der Handschriften der UB in Heidelberg I), Heidelberg 1887, 
S. 144 Nr. 255, und Königshofen [Anm. 37], S.217-219 Nr. 30. 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


63 


blieb in Augsburg nicht lange verborgen. Bereits im folgenden Jahrzehnt 
wurde Rephons Chronik mehrfach kopiert, und bald gehörte diese Königsho¬ 
fen-Version zur Grundausstattung der Augsburger Geschichtsschreiber. 40 1474 
erschien in der Offizin Johann Bämlers eine auf dem Rephon-Codex basieren¬ 
de Druckversion (Hain 9791). Der Erfolg des Drucks war wohl noch größer als 
der der handschriftlichen Kopien. Nur zwei Jahre nach der Erstauflage brach¬ 
te Bämler eine überarbeitete und ergänzte Neuauflage auf den Markt, der 
1480 und 1487 zwei weitere von Anton Sorg und Johann Schönsperger, 
seinem Schwiegersohn, besorgte Nachdrucke folgten (GW 3163-3165). 41 Eine 
der handschriftlichen Kopien und ein Exemplar der Bämlerschen Erstauflage 
(s.u. 2.4) interessieren im vorliegenden Untersuchungszusammenhang. 

Am 13. Oktober 1468 vollendete der Augsburger Schreiber Johannes Erlin- 
ger seine Königshofen-Abschrift: (Cgm 568). Die mitüberlieferte Ulrichslegen¬ 
de stellte er am 12. Juni des folgenden Jahres fertig. Abgeschlossen wurde der 
Codex zunächst Mitte des Jahres 1470. Nachträge von der Hand Erlingers 
reichen bis ins Jahr 1474. 42 Vorlage der Königshofen-Chronik war der noch in 
den 1450er Jahren von Gilg Küperger nach dem Rephon-Codex angefertigte 
Cgm 567. 43 Wie Küperger beschränkte sich Erlinger im wesentlichen auf das 
Kopieren der Vorlage. Kurz aktualisiert hat er nur die mitüberlieferten Kon- 
stanzer Annalen (bis 1474!), jedoch nicht die eigentliche Chronik. Wohl aber 


40 Neben der stark verkürzenden Rephon-Chronik waren auch andere Königshofen-Bear¬ 
beitungen in Augsburg bekannt. Ein komplettes Exemplar mit Vorrede nutzte Bollstatter z.B. 
bei der Ergänzung seines Bämler-Drucks (s.u.). Möglicherweise handelt es sich dabei um den 
ebenfalls dem Bollstatter-Umfeld zugerechneten Gothaer Königshofen-Codex Cod. Chart. A 
158 (gleicher Illustrator wie in Bollstatters Wolfenbütteler Sammelhs.; außerdem stammt der 
Einband des Gothaer Codex wie die Einbände der Bollstatterhss. Cgm 213, 352, Cod.Guelf. 
75.10 Aug. 2° und 37.17 Aug. 2° aus einer Werkstatt); vgl. Lehmann-Haupt [Anm. 25], S.108- 
110, 119 Anm. 1 und 191f. Nr.9 (Beschreibung), sowie Graf, Exemplarische Geschichten 
[Anm. 7], S.202. 

41 Zu den Drucken vgl. A.-D. von den Brincken, Die Rezeption mittelalterlicher Historio¬ 
graphie durch den Inkunabeldruck, in: Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein [Anm. 
2], S.215-236. Zu Johann Schönsperger, Johann Bämler und Anton Sorg vgl. Geldner, Hand¬ 
buch [Anm. 4], S.138-142 u. 146f.; ders., Johann Bämler, 2 VL, Bd. 1, 1978, Sp. 599-600 
(Zusammenfassung der älteren Literatur); I. Leipold, Das Verlagsprogramm des Augsburger 
Druckers Johann Bämler. Zum Funktionstyp ‘Frühe deutschsprachige Druckprosa’, Biblio¬ 
theksforum Bayern 4 (1976) 236-252, hier S.245ff. (geschichtlich-pseudogeschichtliche Werke); 
S. Edmunds, New Light on Johannes Bämler, Journal of the Printing Society 22 (1993) 29-53; 
H.-J. Künast, Johann Schönsperger d.Ä. - der Verleger der Augsburger ‘Taschenausgabe’ der 
Schedelschen Weltchronik, in: 500 Jahre Schedelsche Weltchronik [Anm. 6], S.99-110, und 
ders., Gedruckt zu Augsburg. Buchdruck- und Handel in Augsburg zwischen 1460 und 1555 
(im Erscheinen). 

42 Katalogbeschreibung: Schneider V,4 [Anm. 18], S.151-158; vgl. Lehmann-Haupt [Anm. 
25], S.202 Nr.20. 

43 Schneider V,4 [Anm. 18], S.149f. 



64 


Wolf 


ließ Erlinger in Anlehnung an seine Vorlage 44 nach dem Ende des universalhi¬ 
storischen Teils für Nachträge fünf Seiten frei (106 V -106B V ). 45 Es dauerte nicht 
lange, bis ein Leser/Benutzer diese unmißverständliche Aufforderung zur 
Aktualisierung aufnahm. Auf der ersten dieser Seiten finden wir chronolo¬ 
gisch an die grosse reyse in die heidenschaft (Königshofen 854,15-857) anschlie¬ 
ßend eine mit Kayser Sygmunden beginnende Fortsetzung aus der Feder Kon- 
rad Bollstatters. 46 Möglicherweise hat Bollstatter diese Ergänzung noch auf 
Anregung Erlingers angefertigt, während dieser die Konstanzer Annalen bis 
1474 (149 va ) fortführte. 

Die Königshofen-Fortsetzung markiert den Beginn einer knapp ein Jahr¬ 
zehnt andauernden geschichtsschreiberischen Tätigkeit. Daß in Cgm 568 die 
Urfassung dieser später noch mehrfach in Bollstatter-Codices wiederkehren¬ 
den Fortsetzung vorliegt, läßt sich unter anderem aus dem nur hier fehlenden 
Datum zu Sigismunds Regierungsantritt mit hoher Wahrscheinlichkeit er¬ 
schließen. Der Platz für das genaue Datum ist ausgespart: Von kayser Sygmun- 
den dem siben vndhundersten. Do man zalt nach Cristsgepurtt tausent ... hundertt ..., 
do wart hertzog Sigmundt von Lutzeiburg erwelt (Cgm 568, 106 va ). Für die Arbeit 
an seiner wenig später entstandenen SW-Fortsetzung hat Bollstatter bereits 
ein Datum in Erfahrung bringen können. Eine sichere Datierungsgrundlage 
scheint er aber auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehabt zu haben, denn 
ziemlich wirr und chronologisch in verkehrter Reihenfolge füllen zwei (inkor¬ 
rekte 47 ) Angaben für den Regierungsantritt, Von der gepurtt Cristi tausentt 
vierhundertt vnd funfftzehen Jare und die Krönung tausent vierhundert aylffjare , an 
dem achtenden tagNouembris (Schätze 19, 176 vb -177 ra ), die noch in Cgm 568 
vorhandene Lücke. Das fehlerhafte Krönungsdatum taucht unverändert auch 
in der Königshofen-Druckfortsetzung von 1477 (Cgm 7366,152 r ) auf. Erst die 
Meisterlin-Bearbeitung von 1479-81 bringt die korrekte Angabe des Regie¬ 
rungsantritts: ln dem tausent vierhundertt vnd zehenden Jare (Cgm 213, 245 r ). 


44 Gilg Küperger hat am Ende des chronistischen Teils seiner Königshofen-Kopie (Cgm 
567) mehrere Blätter fiir Nachträge freigelassen (147 v -150 v + 190 v -191 v ; Bl. 192 wurde erst 
später anläßlich der Ergänzungen eingelegt). In dieser Fassung lag Erlinger der Codex 1468 vor. 
Im Jahr 1484 (das im Druck vorhandene Datum 1480 wurde hier in 1484 geändert) hat der 
damalige Besitzer die Küperger-Handschrift aus dem Sorgschen Königshofen-Druck (GW 
3164) aktualisiert. 

45 Die Bll. 106A u. 106B sind nicht foliiert, gehören aber zum ursprünglichen Bestand des 
Codex. 

46 Wesentliche Teile dieser von Bollstatter später noch oft verwendeten Fortsetzung druckt 
Joachimsohn, Geschichtsschreibung Augsburgs [Anm. 7], S.142f., nach der in Cgm 213 
überlieferten Fassung ab. 

47 Tatsächlich wurde Sigismund am 20. Sept. 1410 von einer Minderheit zum König 
gewählt (Gegenkönig jobst von Mähren). Erst nach dem Tod des Gegenkönigs im Jahr 1411 
erfuhr Sigismund allgemeine Anerkennung. Die Krönung fand am 8. November 1414 in 
Aachen statt. 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


65 


Der kurze Nachtrag mit Berichten zur Regierungszeit Sigismunds und den 
Hussitenkriegen bricht am Ende der Seite mitten im Satz mit den Worten so 
wollten sieym die husenn ... (106 vb ) unvollständig ab. Da alle späteren Fassungen 
dieses Nachtrags in der SW-Bearbeitung, der Königshofen-Druckfortsetzung 
und der Meisterlin-Bearbeitung hier nahdos fortfahren, ist anzunehmen, daß 
schon die in Cgm 568 vorliegende erste Version über das Jahr 1420 hinaus 
reichte. Mit Blick auf die anderen chronistischen Texte Bollstatters möchte 
man sogar an eine Fortsetzung bis in die Gegenwart denken. Allerdings finden 
sich im Codex keine Anzeichen für Blattverluste. 48 

2.2. Bollstatters ‘Sächsische Weltchronik 5 (Augsburg, StA, Schätze 19) 49 

Nach dem Königshofen-Nachtrag im Erlinger Codex Cgm 568 fertigte 
Konrad Bollstatter seine erste eigene große Chronikhandschrift an - eine SW. 
Bollstatter beschränkte sich aber nicht wie Erlinger auf das bloße Kopieren 
der Vorlage, sondern er erweiterte, ergänzte und aktualisierte diese Weltchro¬ 
nik zugleich aus zahlreichen Quellen. Neben einer SW in der bis 1350 
fortgesetzten Aj-Fassung 50 sind als Vorlagen für die Ergänzungen und die 
Fortsetzung bis in die Gegenwart im wesentlichen eine zweite SW gleichen 
Typs (Augsburg, StA, Schätze 121, A) 51 , eine fortgesetzte MT-Übersetzung 
wie sie San Marte in Herrigs Archiv abdruckt 52 , eine fortgesetzte Königsho¬ 
fen-Chronik (Cgm 568), die ‘Flores Temporum’-Übersetzung (Schätze 121, 
C) und vielleicht Meisterlins ‘Augsburger Chronik 5 zu nennen. Verschiedene 
lokale und zeitgenössische Nachrichten gehen zudem auf Augsburger Lokal¬ 
quellen, mündliche Überlieferung und eigene Erfahrungen zurück. 

Mehrere der zur Kompilation rezipierten Texte befanden sich zumindest 
zeitweilig im Besitz Bollstatters. Recht sicher ist dies bei der Königshofen- 


48 Zur Lagenformel vgl. Schneider V,4 [Anm. 18], S. 151. Denkbar ist, daß ein zu Fortset¬ 
zungszwecken separat eingelegtes Blatt/Heftchen (vgl. Cgm 567) später verloren ging. 

49 Schätze 19: Handschriftenbeschreibung, Quellenanalyse und Untersuchung bei Wolf, 
Sächsische Weltchronik [Anm. 7], Sigle 023. 

50 Die sachlich-knappe Aj-Version der SW (ohne die Reimvorrede, die Kaiserchronikinter¬ 
polationen, die norddeutschen und dänischen Einschübe) verbreitete sich im 14. und 15. 
Jahrhundert im gesamten süddeutschen Raum. Die wohl im mitteldeutschen Raum (Magde¬ 
burg?) verfaßte, bis 1230 reichende Urfassung wurde, kaum im Süden angelangt, bis 1314 (Erste 
Bairische Fortsetzung) und spätestens zur Jahrhundertmitte bis 1348 (Zweite Bairische Fortset¬ 
zung), bis 1350 (erweiterte Erste Bairische Fortsetzung) und bis 1342/60 (Dritte Bairische 
Fortsetzung) fortgesetzt. In Augsburg sind im 15. Jahrhundert mehrere Handschriften mit 
Erster bzw. mit erweiterter Erster Bairischer Fortsetzung nachzuweisen (Wolf, Sächsische 
Weltchronik [Anm. 7], Kap. 1.2.1). 

51 Handschriftenbeschreibung bei Wolf, Sächsische Weltchronik [Anm. 7], Sigle 024. 

52 Des Martinus Polonus Chronik der Kaiser und Päpste, in deutscher Übersetzung aus der 
ältesten Handschrift des vierzehnten Jahrhunderts zum ersten Mal hg. von San Marte [A. 
Schulz], Herrigs Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 23 (1858) 337- 
403; 24 (1858) 27-84 u. 291-342; 25 (1859) 259-310. 



66 


Wolf 


Chronik (s.o. 2.1), der zweiten SW, der Handschrift des Aalener Stadtschrei¬ 
bers (Schätze 121, A) 53 , und der ‘Flores Temporum’-Übersetzung (Schätze 
121, C) anzunehmen. Ob sich die zusätzlich benutzte Martinschronik eben¬ 
falls in seinem Besitz befand, ist nicht belegt. Der Codex ist verschollen bzw. 
konnte bisher nicht identifiziert werden. Eine sehr lückenhaft und flüchtig 
abgeschriebene Handschrift dieses Typs liegt in der während der 2. Hälfte des 
15. Jahrhunderts in Augsburg (sic!) 54 entstandenen Handschrift Cgm 696 vor. 
Massenhafte Kürzungen und Textabweichungen in Cgm 696 schließen eine 
direkte Abhängigkeit jedoch aus. Denkbar wäre eine gemeinsame Vorlage. 55 

Bollstatters SW-Bearbeitung zeugt von großem historischen Interesse und 
vielleicht von noch größerem philologischen Eifer. Ihm diente die fortgesetz¬ 
te SW nur als Gerüst für ein umfassendes, allerdings noch immer als ‘Welt- 
chronik 5 zu bezeichnendes, bis in die Gegenwart fortgeführtes Geschichts¬ 
buch. Die einzelnen Versatzstücke aus den Vorlagen sind zwar von geringem 
textkritischen Wert. In der Regel handelt es sich um wörtlich übernommene 
Passagen, die chronologisch in die Darstellung eingebaut wurden. Insbeson¬ 
dere die SW des Aalener Stadtschreibers, Königshofen und die MT-Fortset- 
zung hat Bollstatter dabei streckenweise vollständig ausgeschrieben. Von 
Bedeutung sind jedoch Fülle und Auswahl dieser Versatzstücke. Bollstatter 
scheint wie Sigismund Meisterlin (s.u.) bemüht gewesen zu sein, alle faßbaren 
historischen Nachrichten für seine Fortsetzung zusammenzutragen. Einen 
Eindruck vom angestrebten Ziel, kompendienartiger Breite, vermittelt der 
Abschnitt zum 14. Jahrhundert. Da mehrere seiner Vorlagen ausführliche 
Nachrichten zu diesem Jahrhundert überliefern, konnte Bollstatter aus einer 
Vielzahl von Quellen schöpfen - was er auch ausgiebig tat. Die einzelnen 
Versatzstücke wurden dabei zwar nahezu wörtlich, aber keineswegs wahllos 
übernommen und zu einem neuen Ganzen zusammengesetzt. 

Neben allgemeinen historischen Geschehnissen interessieren Bollstatter 
vornehmlich städtische und seine Heimatregion betreffende Nachrichten. In 

53 Zur SW des Aalener Stadtschreibers vgl. Graf, Exemplarische Geschichten [Anm. 7], 
S.192f. u. 197-201, und Wolf, Sächsische Weltchronik [Anm. 7], 024. 

54 Zur Lokalisierung vgl. die Zusätze: [Augustus] regieretLXIiar vnddrew monat. erzwang 
auch Auspurg zu dm reich , als sy noch hiut dar zu gehört vnd hiez sy nach seynem namen Augusta 
(57 r ) und: Er [Kaiser Friedrich I.] ist hie zu Au s pur gk gewesen mit drey seiner sun vnd hat sant 
Vhrich auff seiner achsein tragen , da eryeczo leit mit dm bischoff von Mencz vnd ander vil bischoff vnd 
fürsten. Das beschach da man zalt tausent hundert siben vndachzig iar am vierden tag apriü (70 v ); zitiert 
nach: Joachimsohn, Humanistische Geschichtsschreibung [Anm. 7], S.9 u. ebd. Anm. 4. 

55 In weitaus engerer Verbindung zum Bollstatterschen MT-Exemplar steht die von San 
Marte [Anm. 52] abgedruckte Fassung. An den Stellen, wo Bollstatter anscheinend unvermit¬ 
telt auf MT verzichtet, weist die Druckfassung durch Blattverluste hervorgerufene Lücken auf. 
Hatte Bollstatters Vorlage ähnliche Lücken? Leider ist über das Handschriftenverzeichnis bei 
San Marte die in Frage kommende MT-Handschrift nicht zu ermitteln. Zur Überlieferung der 
in der Forschung sträflich vernachlässigten MT-Übersetzungen vgl. K. Graf, Besprechung: 
Rudolf Weigand, Vinzenz von Beauvais, Hildesheim 1991, PBB 116 (1994) 491-497, hier S.496 
bes. Anm. 17 (Zusammenstellung der Überlieferung). 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


67 


diesem Sinne ist beispielsweise seine fast überschwengliche Parteinahme für 
den städtefreundlichen König Ludwig den Bayern zu interpretieren. Ganz 
konsequent übernimmt Bollstatter, als Anwalt reichsstädtischer Interessen, 
aus Königshofen und der SW des Aalener Stadtschreibers sämtliche Ausfüh¬ 
rungen zu Ludwigs Rechts- und Städtepolitik sowie den pro-Ludwigschen 
Bericht zum ‘Defensor Pacis 5 . Der gesamte Bericht gipfelt in der Totenklage 
auf Ludwig: In clagten hemn vnd Stett gar fast, wann er was aingüterfridmachervnd 
ain guter hem. Dauon mag man in zu den besten kaysern geleichen (Augsburg, StA, 
Schätze 19, löS*). 56 Die Wahl Karls von Mähren als Gegenkönig bereitet ihm 
unter diesen Prämissen auch kein Kopfzerbrechen. Dessen Politik - zumal 
nach Ludwigs Tod - gibt aus städtischer Perspektive ebenfalls kaum Anlaß zur 
Klage. Eine aus der Aalener SW übernommene Passage von der Erhebung 
Aalens zur Reichsstadt 57 untermauert im folgenden die Parteinahme für Karl 
bzw. genauer für seine prostädtische Reichspolitik. 58 

Nachrichten mit Lokalkolorit fand Bollstatter natürlich nicht nur in der 
SW des Aalener Stadtschreibers. Eine vielleicht noch bedeutendere Quelle für 
derartige Details lag ihm in seiner heute im gleichen Sammelcodex (Schätze 
121) vereinten Übersetzung der ‘Flores Temporum 5 vor. Aus diesem Codex 
(B1.183 1 ) stammt beispielsweise die Passage zum Tod des Württembergischen 
Grafen Ulrich I., genannt mit dem Daumen: Und in disem Jare (1266) Starbe der 
graue von Wirtemberg mit dem daummen, also gehayssen darumb, das er gar ain 
grossen daummen hett an der rechten handt (Schätze 19,140 vb f.). Weitere Ereignis¬ 
se lokaler Prägung folgen als Einschübe im Bericht vom 7. Kreuzzug. Bollstat¬ 
ter führt die Fehde zwischen den Grafen von Hohenburg und den Grafen von 
Zollern an. Ebenfalls seiner ‘Flores’-Übersetzung (B1.185 v f.) entnommen ist 
ein Bericht zu einer Mißgeburt in Esslingen: Vnd dauor im vier vnd siebentzigi - 
sten Jare [1274], dagepar ain fraw zu Eßlingen ain kindyenhalb derpruggen, das 


56 Kompiliert aus Königshofen [Anm. 37], S.473,2-6 u. 8-14 + Aalener SW Bl. 143* 

57 Nach der Handschrift des Aalener Stadtschreibers abgedruckt bei Wolf, Sächsische 
Weltchronik [Anm. 7], Anhang II. Zum Kontext vgl. K Graf, Eine Aalener Handschrift in der 
Universitätsbibliothek Göttingen. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte der Reichsstadt Aalen im 
15. Jahrhundert, ostalb/einhom 7 (1980) 162-166. 

58 In Augsburg positiv bewertet wurden die zahlreich vom Kaiser verliehenen Privilegien 
und der Landfrieden von 1370. Überaus kritisch stand man den z.T. massiv vorgetragenen 
Geldforderungen Karls zur Eroberung der Mark Brandenburg gegenüber. In der anonymen 
‘Augsburger Chronik von 1368 bis 1406’ wird Karl wegen der aus diesen Forderungen resultie¬ 
renden Spannungen sogar als durcbächter der cristenhait bezeichnet. Bei Konrad Bollstatter ist 
von derart negativen Reminiszenzen nichts zu spüren; vgl. K. Schnith, Reichsstädtisches 
Bewußtsein in der Augsburger Chronistik des Spätmittelalters, in: P. Fried/W. Ziegeler (Hgg.), 
Fs. A. Kraus (Münchener Hist. Studien. Abt. Bay. Geschichte 10), Kallmünz Opf. 1982, S.79- 
93. Die Gründe für die so eindeutig prokaiserliche Argumentation Bollstatters wird man jedoch 
nur bedingt in Augsburg zu suchen haben. Die Tendenz der Fortsetzung orientiert sich 
unmittelbar an den Ausführungen des Aalener Stadtschreibers, und der fühlte sich nach der 
Erhebung Aalens zur Reichsstadt durch eben diesen Kaiser natürlich Karl verbunden. 



68 


Wolf 


pließhalden genennet ist , das hett zway haupt , die ain ander ansehent , vier arm damitt 
ains das ander vmbschloß odervmbfieng, ain manlicb vnd ain wey blich gemachte gegen 
ain andergekeret. Aber es lebet nicht lang vnd starbe (Schätze 19, 144 rb f.). 

Über das in den bekannten Chroniken der Zeit geschrieben bzw. gedruckt 
vorliegende Material hinaus, hat sich Bollstatter intensiv um weitere Nach¬ 
richten bemüht. Vielleicht aus Öttinger oder Augsburger Archivalien stammt 
der Beleg für eine Ergänzung zur Erbfolge der erledigten Grafschaft Hirsch¬ 
berg. Bollstatters Vorlage, die Erste Bairische Fortsetzung der SW (SW 332,9- 
10), vermeldet nur den Tod Graf Gerhardts von Hirschberg, des letzten 
Hirschbergers (f 4.3.1305). Dem Autor scheint nicht bekannt gewesen zu 
sein, wer das Erbe der Grafschaft antrat. Bollstatter ergänzt korrekt: Dem 
Bistumb uon Ey Stetten ward Hyrschberg, das schlos vnd das lanndtgericht ward den 
hertzogen uonpayem (Schätze 19,150 rb ). Ein sehr detaillierter Bericht zum Tod 
Konrads von Rechberg und Hohenrechberg zu Heuchlingen deutet auf per¬ 
sönliche Beziehungen zu den Rechbergem: Inn der zeitt als man zallt uon Crists 
gepurtt tausent drewhundertt vnd ains vnd dreyssigjare an sant Gallen tag (16. Okt. 
1331), do ertranck Cunrat uon rechberg uon hohenrechberg, der zeytt zu heuchlingen 
gesessen, ann dem wassergenant die leyn , nit fere uon Absgmünde , da noch ain staynin 
kreutz aujf der hohin statt (Schätze 19, 161 va ). Konrad Bollstatter war in den 
Jahren bis 1458 tatsächlich mehrfach als Notar oder Schreiber auf dem 
Stammsitz der Rechberger, der Burg Hohenrechberg, tätig (s.o.). Das Kreuz an 
der Lein bei Abtsgemünd unweit von Heuchlingen kannte er gewiß aus 
eigenem Ansehen. Vermutlich hat Bollstatter Heuchlingen sogar einmal be¬ 
sucht, zumindest wird er den Ort aus Rechberger Akten gekannt haben. 59 Ein 
weiterer Zusatz bezieht sich auf Friedrich XII. von Zollern (f 1443). Eine aus 
der fortgesetzten Königshofen-Chronik stammende Nachricht zur Zerstörung 
des Hohenzollern-Schlosses und der Vertreibung Friedrichs erweitert Bollstat¬ 
ter um eine intime Kenntnisse verratende Episode: [...] das genant schloss was 
graffFridrichs uon zolm , den man nannt den Ötinger, vmb das , das in die grauen uon 
Ötingen an iren hof erzogen betten. Da uon ward ain liede gemachtt. Der Ötinger ob 
dem tysche sass, als er uon den vorgenantenn Stett belagert was vndfragt , ob das die 
uon Ulm weren alleine. Da ward im geantwurtt, Es weren aü reychstett gemaine 
(Schätze 19,179 rb f.) 60 . Das Wissen um diese Vorgänge wird sich Bollstatter an 

59 Das Steinkreuz bei Abtsgemünd befand sich noch bis ca. 1970 an der genannten Stelle; 
vgl. B. Losch, Sühne und Gedenken, Stuttgart 1981, S.133. Für den Hinweis auf die reale 
Bedeutung des Steinkreuzes und zahlreiche weitere überaus wichtige Informationen, Anregun¬ 
gen und Korrekturen zum Gesamtkomplex der Bollstatterschen Literaturproduktion sei an 
dieser Stelle Dr. K. Graf, Bielefeld, noch einmal ausdrücklich gedankt. 

60 Die gesamte Passage hat Bollstatter später in seine Königshofen-Fortsetzung übernom¬ 
men (Abdruck nach der Königshofen-Version bei Joachimsohn, Humanistische Geschichts¬ 
schreibung [Anm. 7], S.89 Anm. 1). Bei dem genannten Hohenzollem-Lied handelt es sich um 
die von einem Meister Cünrät Silberdrät (vgl. E. Willms, Konrad Silberdrat, 2 VL, Bd. 8,1992, 
Sp. 1245f.) anläßlich der Fehde zwischen Rottweil und dem Grafen von Zollern verfaßte 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


69 


eben diesem Hof, wo er nur wenige Jahre nach den geschilderten Ereignissen 
Schreiber und Kanzlist war, erworben haben. 

Wie Bollstatters Königshofen-Nachtrag in Cgm 568 bricht auch die SW- 
Fortsetzung, nun mit Berichten zum Jahr tausent vierhundertt viertzig vndfunff 
(180 v ) 61 , am Ende der Seite mitten im Satz unvollständig ab. Ein Blattverlust 
ist nicht zu erkennen. 62 Nahtlos fortgefuhrt überliefern die Königshofen- 
Druckfortsetzung in Cgm 7366 (153 v -154 v ) und die Meisterlin-Bearbeitung 
Cgm 213 (256 v -257 r ) die Berichte, und zwar in einer der SW des Aalener 
Stadtschreibers ähnlichen Fassung. 

2.3. Die ‘Augsburger Stadt-Weltchronik’ (Alba Iulia, Bibi. Batthyaneum, Ms. 
1.115) 

Offenbart sich in der intensiven SW-Bearbeitung und -Fortsetzung bereits 
deutlich Bollstatters Hinwendung zur Geschichtsschreibung, so erscheint er 
in seinem möglicherweise bedeutendsten historischen Werk, seiner ‘Augsbur¬ 
ger Stadt-Weltchronik’ 63 , explicit als Geschichtsschreiber und Stadtchronist. 
Auf Bl. l r oben gibt sich der Autor mit den Majuskeln CSVOB als C[onradus] 
S[chreyber] V[on] 0[ettingen ] B[ollstatter ] zu erkennen. Leider sind von den laut 
A. Beke und R. Szentivanyi in den Katalogen von 1871 und 1949 aufgefuhr- 
ten 341 Bll. 64 des Codex heute nur noch 45 erhalten. Der größte Teil der 

Reimpaardichtung von 460 Versen. Gedruckt ist das Lied bei R von Liliencron (Hg.), 
Historische Volkslieder, Leipzig 1865, S.282-291 Nr.59. Bollstatters Hinweis bezieht sich auf 
Vv. 133fE: nach dem Ratsschluß zu Ulm ziehen die Reichsstädte vor das Hohenzollemschloß. 
Graf Friedrich hält das ganze Unternehmen zunächst für ainen spot , muß dann aber die 
Zerstörung seines Schlosses mitansehen. 

61 Der Schlußbericht findet sich nahezu wörtlich in der als ‘Chronik von König Wenzel bis 
Kaiser Friedrich III.* bezeichneten Exzerptensammlung in Bollstatters Cgm 735. Wie bei den 
anderen Bruchstücken und Exzerpten in diesem Codex dürfte es sich auch bei diesem Sammel¬ 
surium chronistischer Nachrichten, u.a. aus der GK-Fortsetzung und Bämlers Königshofen- 
Druck von 1476, um eine Zusammenstellung historisch relevanter Informationen handeln, die 
mit dem Ziel der späteren Weiterverwendung zusammengetragen wurden. (Eine ausführlichere 
Analyse der Sammelhandschrift ist in Vorbereitung). 

62 Lagenformel: 15 VI 180 . Die letzte Lage ist unbeschädigt. 

63 Bollstatters ‘Augsburger Stadt-Weltchronik’ (alle Indizien sprechen dafür, daß Bollstat¬ 
ter Schreiber und zugleich Verfasser der Chronik ist) wird als Handschrift 1.115 in der Bibi. 
Batthyaneum der rumänischen Stadt Alba Iulia (ehern, böhm. Karlsburg) aufbewahrt. Auf die 
deutschen Handschriften des Batthyaneums in Alba Iulia macht F. Shaw in zwei Aufsätzen aus 
den Jahren 1981 und 1986 aufmerksam (F. Shaw, Zu drei mhd. Chronikhandschriften im 
Besitze des Batthyaneums, Apulum. Acta Musei Apulensis 19 [1981] 165-178, hier S.170-176, 
und ders., Alba Iulia 1.115: Fragment einer universalhistorischen Augsburger Stadtchronik, PBB 
108 [Tüb.1986] 212-223). Eine Verbindung zu Konrad Bollstatter erkannte Shaw nicht. 
Untersuchung und Abdruck der Chronik bei Wolf, ‘Augsburger Stadt-Weltchronik’ [Anm. 
21 ]. 

64 A. Beke, Index Manuscriptorum Bibliothecae Battyaninae Diocesis Transsylvaniensis, 
Karoly-Feh&vär (Alba Iulia) 1871, S.31 Nr. 314, u. R Szentivanyi, Catalogus concinnus 
librorum manuscriptorum bibliotheca Batthyanyanae Albae in Transsilvania, Szeged 1947 (2. 
Aufl. Szombatheley 2 1949), S.30 Nr. 115. 



70 


Wolf 


Stadtchronik muß mithin als verschollen gelten. Der noch erhaltene Teil des 
Codex beginnt Bl. l r mit der Schöpfungsgeschichte aus der SW 65 (SW 67,lff.) 
und reicht über die alttestamentarische Geschichte bis zum Ende der römi¬ 
schen Republik (SW 82,30 = 33 v ). 66 Es folgt von Bl. 34 r bis 45 v der Anfang 
einer Augsburger Stadtchronik von Casars vergeblichen Versuchen, Schwa¬ 
ben zu erobern, bis zu Bischof Udalschalk (1184-1202) bzw. bis zur Erhebung 
Sankt Ulrichs. Beide Teile sind als Einheit konzipiert und bieten noch über 
das Anliegen Meisterlins in seiner Augsburger Chronik 67 oder des Anonymus 
in seiner ‘Augsburger Chronik bis 1469’ hinaus eine universalgeschichdiche, 
mit der Schöpfung beginnende Augsburger Stadtchronik. 

Neben der SW und Königshofen für den universalhistorischen Teil nutzte 
Bollstatter für den ‘Augsburger Teil 5 die zahlreich vorhandenen Augsburger 
Stadtchroniken, die ‘Annales Augustani 5 , seine Ulrichslegende (Cgm 568), die 
verschiedenen Bischofsannalen und die Bischofsviten als Quellen 68 . Die ‘Augs¬ 
burger Chronik bis 1469’ 69 und die auch vom Verfasser dieser Stadtchronik 


65 Konrad Bollstatter besaß mindestens 2 Exemplare der im süddeutschen Raum weit 
verbreiteten Aj-Rezension dieser ersten deutschen Prosaweltchronik. Die 1465 vollendete 
Abschrift des Aalener Stadtschreibers (Schätze 121) erhielt er wohl zu Beginn der 1470er Jahre; 
eine eigene Abschrift (Schätze 19) fertigte er kurz danach an. Mindestens ein weiteres Exemplar 
hat er nachweislich bei seinen chronistischen Arbeiten benutzt (s.o. 2.2). 

66 An zwei Stellen ergänzte Bollstatter den Text der SW zusätzlich aus Königshofen. Zu 
Bollstatters Königshofen-Handschrift Cgm 568 s.o. 2.1. 

67 Vgl. K. Colberg, Sigmund Meisterlin, 2 VL, Bd. 6,1987, Sp. 356-366. Zur Überlieferung 
vgl. insb. Sp. 358f. Meisterlins ‘Augsburger Chronik* (dt) hegt in einem schwer zugänglichen, 
äußerst lücken- und fehlerhaften Abdruck Melchior Rammingers vor (Augsburg 1522). Bei der 
Untersuchung der Bollstatterschen Meisterlin-Zitate erwies sich der Druck wie Bollstatters 
durch unzählige Ergänzungen entstellte eigene Abschrift (s.u. 2.5) als unbrauchbar. Ich greife 
deshalb auf die in Wolfenbüttel befindliche, recht zuverlässige Meisterlin-Abschrift HAB, Cod. 
Guelf. 45.17. Aug. 2° zurück (hier zitiert als Meisterlin). 

68 Anklänge finden sich an die deutsche ‘Afra-Legende* (F. Wilhelm, Sankt Afra. Eine 
schwäbische Reimlegende, in: Analecta Germanica. H. Paul dargebracht. Amberg 1906, S.43- 
169), die ‘Annales ss. Udalrici et Afrae* (P. Jaff£ [Hg.], in: MGH SS 17 [1861] 428-436), die 
Vita s. Oudalrici Episcopi’ (G. Wattz [Hg.], in: MGH SS 4 [1841] 377-425), ‘Uodalscalcus, de 
Eginone et Herimanno* (P. Jaff£ [Hg.], in: MGH SS 12 [1856] 429-449) und die Translatio s. 
Udalrici’ (G. Wahz [Hg.], in: MGH SS 4 [1841] 427-428). Zur Charakteristik und den Quellen 
der Stadtchronik vgl. Shaw, Augsburger Stadtchronik [Anm. 62], S.218-222, und Wolf, 
‘Augsburger Stadt-Weltchronik* [Anm. 21]. Verbindungen zu Heinrich von Rang, der bis zu 
seinem Tod im Jahr 1472 vermutlich einen Verwaltungsposten im Kloster St Ulrich und Afra 
inne hatte (s.o.), lassen daran denken, daß Bollstatter schon früh zur Beschaffung dieser und 
anderer Quellentexte die bekanntermaßen reich ausgestattete Klosterbibliothek von St Ulrich 
und Afra genutzt hat Für diese Annahme sprechen auch seine Lorch und die Staufergeschichte 
betreffenden Exzerpte in Cgm 735. 

69 F. Frensdorff (Hg.), Chronik von der Gründung der Stadt Augsburg bis zum Jahre 1469, 
in: Die Chroniken der deutschen Städte 4 (1865) 279-332, hier ab S.283,21-304. 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


71 


oft zitierte ‘Augsburger Chronik’ Meisterlins dienten dabei als Grundlage der 
Darstellung. Für die Zeit vom Tod St. Ulrichs (t 973) bis zum Jahr 1102 
orientiert sich Bollstatters Darstellung außerdem unmittelbar an den ‘Annales 
Augustani’ (Ann.Aug. 124,8-135,35). Quellenauswahl und Quellenbehand¬ 
lung lassen den Anspruch erkennen, ein chronologisch ‘korrektes’ Werk zur 
Augsburger Geschichte zusammenzustellen. Die schon bei seinen Zeitgenos¬ 
sen höchst umstrittenen fabulösen Erzählungen der Augsburger Stadtchroni¬ 
ken oder gar Küchlins Reimchronik konnten Bollstatter anscheinend nicht 
überzeugen. Für das Interesse an einer möglichst umfassenden und präzisen 
Darstellung der Augsburger Vor- und Frühgeschichte sprechen auch die 
zahlreichen überwiegend marginalen Ergänzungen, Korrekturen und Erweite¬ 
rungen sowie die Quellenhinweise. Ausdrücklich genannt werden Otto von 
Freising, Sueton, Horaz, Plinius und alle Cronitisten (41 v ). Selbst gelesen hat 
Bollstatter von diesen Autoren allerdings nichts. Die Angaben entstammen 
den Vorlagen. Besondere Beachtung verdient jedoch ein originaler Hinweis 
Bollstatters: als man inn seiner (St. Ulrichs, J.W.) Cronicavindetvnd auch in seiner 
legent(43 T ). Die genannte ‘Ulrichslegende’ befand sich nachweislich in seinem 
Besitz (Cgm 568)! 

Die von Bollstatter zur Legitimation der Wahrheit angeführten Quellenbe¬ 
rufungen sind im wesentlichen noch dem „auf Autorität gegründeten Quel¬ 
lenverständnis des Mittelalters“ 70 verpflichtet, obwohl die Darstellung an sich 
auf eine bereits stellenweise darüber hinausgehende Systematik bei der Quel¬ 
lensuche und -auswahl hindeutet (s.u). Bollstatter ließ sich augenscheinlich 
vom Gedanken der “Epochenkompetenz” 71 leiten. Und für die voraugsburgi- 
sche Geschichte war die SW unzweifelhaft glaubwürdiger, d.h. kompetenter, 
als der trotz aller gegenteiligen Beteuerungen noch stark den sagenhaften 
Gründungsfabeln verbundene Meisterlin oder der Anonymus mit seiner ‘Augs¬ 
burger Chronik bis 1469’. 72 Auch innerhalb des stadtchronistischen Teils 
fanden Meisterlin und der Anonymus nicht immer das ungeteilte Vertrauen 
Bollstatters. Zumindest in Sachen Chronologie erachtete er die ‘Annales 
Augustani’ in dem von ihnen abgedeckten Zeitraum als zuverlässiger. 


70 VgJ. A Hagenlocher, Quellenberufungen als Mittel der Legitimation in deutschen 
Chroniken des 13. Jahrhunderts, Nd.Jb. 102 (1979) 15-71, hier S.16. 

71 Die Auswahl der Quellen erfolgt unter dem Aspekt der „Kompetenz zur richtigen 
Berichterstattung” (Melville S.69). Beim Vorhandensein alternativer Texte wird ganz bewußt 
das Werk, dem man die größere Kompetenz zumißt, übernommen, andere ganz (wie hier im 
Falle der Vorgeschichte Meisterlin und die ‘Augsburger Chronik bis 1469’) oder teilweise 
unterdrückt Vgl. G. Melville, Spätmittelalterliche Geschichtskompendien - eine Aufgaben¬ 
stellung, Rom. Hist Mitt 22 (1980) 51-104 (zu Kompilationsprinzipien und zum Begriff der 
‘Epochen-Kompetenz* bes. S.61-77). 

72 Vgl. K. Schnuh, Mittelalterliche Augsburger Gründungslegenden, in: Fälschungen im 
Mittelalter. Internationaler Kongreß der Monumenta Germaniae Historica. München, 16.-19. 
September 1986, Teil 1 (MGH-Schriften 33,1,1), Hannover 1988, S.497-517. 



72 


Wolf 


Bei der ‘kritischen* Auswahl der Quellen für den Vor- und Frühaugsburgi- 
schen Teil fühlt man sich unwillkürlich an die Ausführungen Jakob Twingers 
von Königshofen in seiner Chronikvorrede erinnert, dort heißt es, das ein 
geschehen ding von dem man nüt kan gesagen in welem jore oder bi weles küniges oder 
fürsten ziten es geschehen si, das sol men haben für eine fabule und für eine sagemere und 
nüt für eine wore rede (Königshofen 231,2-5). 73 Theoretische Überlegungen von 
ähnlicher Tragweite stellt auch der Bollstatter bestens vertraute Sigismund 
Meisterlin in der Einleitung seiner Augsburger Chronik an. Seine Ausführun¬ 
gen gelten der für eine Beschäftigung mit der Stadtgeschichte notwendigen 
Quellengrundlage: Wann dar vor als ich an mengen altten hystorien gelessen bann 
vnd haideschs maister bücher 3 die vor cristi gebürt gemacht sind , da fliß ich mich ze 
mercken, was in den selben bücheren vnd hystorien lessen was , disser stat leit ich 
zaichen . Ich marckt es auch off vffzedel. [...] Also vieng ich an mit grosser tauglicher 
arbait vnd überlaß gar vngelauplichen vil bucher vnd samlet dar vß, das mir dienet 
(Meisterlin, l rb £). 

Erst nach umfänglichen Quellenstudien fühlte sich Meisterlin berufen, die 
chronistische Arbeit zu beginnen. Seine Vorgänger waren da weniger sorgfäl¬ 
tig. Im Bewußtsein dieses Mankos begnügte sich Meisterlin nicht mit der 
Aufzeichnung der Stadtgeschichte. Ebenso wichtig war es ihm, offensichtli¬ 
che Widersprüche in der bisherigen Stadtgeschichtsschreibung - dies ein 
direkter Angriff auf Küchlins fabulöse Reimchronik zur Frühgeschichte der 
Stadt - aufzuzeigen und aufzuklären. Im ersten Teil seiner ‘Augsburger Chro¬ 
nik’ setzt Meisterlin alles daran, anhand detaillierter Quellenstudien (!) das 
falsche Augsburg-Bild aus Küchlins Reimchronik zurechtzurücken. Vor allem 
im dritten Kapitel, es sagt, Das es kain ere sy den bürgeren zü augspurg ist , das man 
spricht , sy chomen von troyeren her vnd das es auch nit wol bestm müge mit der warhait 
(Meisterlin, 3 va ), weist Meisterlin Küchlins ‘Trojalegende’ zur Stadtgründung 
ins Reich der Fabel. An die Stelle der Erfindung sollte die durch historisch 
fundierte Quellenstudien erschlossene Wahrheit treten - und genau das 
versuchte auch Konrad Bollstatter. Daß dabei sogar Meisterlins Chronik hier 
und da der kritischen 74 Quellenauswahl Bollstatters zum Opfer fiel, spricht 


73 Obwohl diese Vorrede in Bollstatters Augsburger Königshofen-Version (Redaktion D, 
Rephon-Version) fehlt, waren ihm die Ausführungen doch sicherlich bekannt, denn das 
ebenfalls auf der Rephonschen Version beruhende Bämlersche Druckexemplar ergänzte er im 
Jahr 1477 um genau diese Passage (s.u. 2.4). Bollstatter hatte sich wie auch im Falle der SW also 
um mindestens ein weiteres Parallelexemplar (mit Vorrede) für seine Arbeiten an und mit der 
Königshofenchronik bemüht. 

74 Schon die durch Sigismund Gossenbrot initiierte Chronik Meisterlins zeigt Ansätze 
moderner Quellenkritik (vgl. Colberg [Anm. 67], Sp. 359, und Schntth, Gründungslegenden, 
[Anm. 72], S.508f.). Ähnliche Ansätze sind auch in Bollstatters Stadtchronik zu erkennen. 
Bollstatters Quellenstudien sind allerdings nur bedingt mit denen Meisterlins zu vergleichen. 
Theoretische Reflexionen zu seiner chronistischen Arbeit fehlen, sieht man einmal von den aus 
Meisterlin und Jacob Twinger von Königshofen adaptierten Passagen ab (s.u.), gänzlich. 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


73 


nur für ihn. Zu denken gibt allerdings die Tatsache, daß gerade einmal drei 
Jahre später diese hier (bewußt?) ausgesparten Passagen bei seiner eigenen 
Meisterlin-Bearbeitung (2.5) breiten Raum einnehmen, ja sogar noch um 
Teile aus dem ‘Buch von Troja F erweitert werden. 

2.4. Ergänzung und Fortsetzung des Bämlerschen Königshofen-Drucks (Mün¬ 
chen, SB, Cgm 7366) 

Bämlers 1474 erschienene Königshofen-Erstausgabe (Hain 9791, Redakti¬ 
on D 75 ) besaß für den chronistisch Interessierten ein wesentliches Manko. Sie 
bot keine über die Rephon-Version hinausreichende zeitgenössische Fortset¬ 
zung - ein halbes Jahrhundert Weltgeschichte fehlte. Diesem Defizit wurde 
Bämler erst mit der 1476 erschienenen überarbeiteten Neuauflage gerecht. Sie 
bringt neben einer Fortsetzung bis in die 1470er Jahre sogar Nachrichten aus 
dem Druckjahr. 

Bald nach dem Erscheinen des Bämlerschen Königshofen-Drucks im Jahr 
1474 erhielt Konrad Bollstatter ein wahrscheinlich beschädigtes Exemplar 
(Cgm 7366). Der Schluß der allgemeinen Chronik (Bl. 146) u. a. mit den 
Berichten zum Türkenkreuzzug Kaiser Sigismunds fehlte seinem Druck. Un¬ 
mittelbar nachdem Bämler seine überarbeitete und ergänzte Neuauflage (GW 
3163) im Oktober 1476 auf den Markt gebracht hatte, konnte Bollstatter eines 
dieser neuen Exemplare zur Vervollständigung und Aktualisierung seines 
defekten Exemplars nutzen. Zunächst ersetzte er handschriftlich die ab Seite 
146 r fehlenden Chronikteile (146 r v ). Dann fugte er eine aus der Königshofen- 
Neuausgabe, seiner SW-Fortsetzung und der SW-Fortsetzung des Aalener 
Stadtschreibers (Schätze 19 u. 121) kompilierte umfänglichere Fortsetzung 
vom Jahr 1402 bis 1473 (146 v -155 r ) an. Die Ergänzung des mit dem Jahr 
1412 76 schließenden Papstteils der Königshofen-Chronik reicht sogar bis 1477 
(204 r -208 r ). Breiten Raum nehmen dort die Geschehnisse um Jan Hus, die 
Hussitenkriege, der Fall Konstantinopels und das Unglück auf der Tiberbrük- 
ke in Rom ein. 

Was durch die in zwei Abschnitte, jeweils separat mit Amerel (207 v ) und 
Conrade Schreybem von Ötingen (208 r ) unterschriebene Textgestaltung wie eine 
selbständige, fortlaufend aktualisierte Fortsetzung wirkt - vermutlich auch 
wirken sollte -, geht nahezu komplett auf die Bämlersche Neuauflage zurück. 
Änderungen beschränken sich auf wenige, den tatsächlichen Verfasser Johann 
Bämler verschleiernde Details. Dort, wo Bämler als Augenzeuge vom Einsturz 


75 Vorlage war eine der in Augsburg zahlreich vorhandenen Rephon-Kopien (Cgm 567 o. 
568) bzw. der Rephon-Codex (Heidelberg, UB, Cpg 475) selbst; vgl. Königshofen [Anm. 37], 
S.225f. 

76 Bämler irrt bei der Datierung der Absetzung Gregors XII. um drei Jahre. Real schließt der 
Papstteil mit dem Jahr 1409. 



74 


Wolf 


der Tiberbrücke berichtet: Da bey bin ich iohannes Bämler selbst gewesen (Druck 
von 1476, 194 r ), heißt es bei Bollstatter beispielsweise: da bey ist Johannis 
Bämler zu Augspurg gewesen (Cgm 7366, 206 v ). Am Schluß der Fortsetzung 
werden Bämlers Ausführungen schließlich expressis verbis von Bollstatter für 
sich vereinnahmt: Vndsoliche Cronickist von mir ConradeSchreybemvon 
Ötingen der zeit wonhajft zu Augspurg vollendet vnd biß her gar auss gemacht vnd 
geschriben worden auff den obgenaten vnser lieben frawen aubent, Do man zalt die 
gemelten zale der myndid im siben vnd sibentzigisten Jaren (Cgm 7366, 199 r ). 
Bollstatter bezeichnet sich hier nicht nur als (Abschreiber (geschriben ), son¬ 
dern explizit als Fortsetzer und Vollender (vollendet vnd biß her gar auss ge¬ 
macht 11 ). Der Anspruch, selbst als Autor tätig gewesen zu sein, manife¬ 
stiert sich zudem in der ‘Stilisierung’ des Textes als eine jeweils um die 
neuesten Nachrichten ergänzte Fortsetzung. 

Auch wenn sich Bollstatter hier der Worte Bämlers bedient, wird man diese 
Passage als ein für die Einschätzung seiner bisher weitgehend unbeachtet 
gebliebenen chronistischen Ambitionen bemerkenswertes Selbstzeugnis wer¬ 
ten dürfen. Wie bewußt sich Bollstatter mit der Rolle eines Chronisten 
auseinandersetzt, kommt mehr noch als in diesen abschließenden Worten in 
der dem Bämlerschen Druck vorangesetzten Königshofen-Einleitung samt 
Vorrede (2 r -3 r = Königshofen S.230-232) zum Ausdruck. Diese Vorrede Jacob 
Twingers von Königshofen mit Ausführungen zur Rolle des Chronisten, zur 
unverzichtbaren Datierung der Ereignisse und der Quellengrundlage kennen 
weder der Rephon-Codex noch seine Kopien inclusive der Drucküberliefe¬ 
rung. Bollstatter muß sich also eigens um ein zweites, vollständiges Königsho¬ 
fen-Exemplar mit Vorrede bemüht haben. 78 Sieht man die ergänzte Vorrede, 
die Marginalien und das Schlußwort zusammen, läßt sich, auch wenn selbst 
verfaßte theoretische Reflexionen fehlen, einiges von Bollstatters Selbstver¬ 
ständnis als Chronikschreiber und -Fortsetzer erschließen. Besonders charak¬ 
teristisch scheint mir der Hinweis, daß eine Chronik nicht nur uon anfangder 
weite vnd von allen künigen kaysem vnd Bäubsten berichten soll, sondern in ihr 
zugleich Auch andern geschehen dingen so vnder innen geschehen sindt [...] lautter 
vndclarlich vememen würdet (Bl. l v ). Diesem Prinzip zeigen sich alle historiogra- 
phischen Arbeiten Bollstatters verpflichtet. 


77 uzmacben =vollenden (Lexer 11,2026). 

78 Da in der Vorrede 6 Kapitel (getaylt In sechs Cappittel) genannt werden, muß es sich bei 
dem zitierten Exemplar entgegen der Rephon-Version (Kapitel 1-3 komplett, 4-5 in Auszügen) 
und dem Druck (Kapitel 1-3) um ein vollständiges Königshofen-Exemplar gehandelt haben. 
Vgl. G. Kornrumpf, Chronik und Roman. Das ‘Buch von Troja P als Quelle Jakob Twingers 
von Königshofen, in: H. Brunner (Hg.), Die deutsche Trojaliteratur des Mittelalters und der 
Frühen Neuzeit (Wissensliteratur im Mittelalter. Schriften des Sonderforschungsbereichs 226 
Würzburg/Eichstatt 3), Wiesbaden 1990, S.457-467, hier S.462 u. 466 Anm. 39. 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 75 

2.5. Die Überarbeitung der Meisterlin-Chronik (München, SB, Cgm 213) 

Wie die von Jacob Twinger von Königshofen verfaßte Straßburger Chronik 
so erfreute sich auch die von Sigismund Meisterlin im Auftrag und auf 
Anregung Sigismund Gossenbrots angefertigte ‘Cronographia Augustensium 5 
in Augsburg bald größter Beliebtheit. Der am 20. Juni 1456 vorgelegten 
lateinischen Fassung folgte schon am 4. Januar 1457 eine für den Augsburger 
Rat übersetzte deutsche Version. Vornehmlich in Augsburg wurden in den 
folgenden Jahren zahlreiche Abschriften der lateinischen und der deutschen 
Stadtchronik angefertigt. 79 Wie in der mittelalterlichen Chronistik gang und 
gäbe blieb es natürlich nicht bei der bloßen Vervielfältigung. Bald nach der 
Entstehung machten sich sachkundige Schreiber und Chronisten daran. Mei¬ 
sterlins Werk zu überarbeiten und zu aktualisieren. Unter den Redaktoren 
ragen zwei Persönlichkeiten hervor. Einmal der aus einer der vornehmsten 
Familien Augsburgs stammende Hektor Mülich (mit seinem Bruder Jörg) 80 
und eben unser Konrad Bollstatter. 81 1483 erschien bei Johann Bämler unter 
dem Titel ‘Ursprung und Anfang Augsburgs 5 außerdem eine freie Bearbeitung 
im Druck (GW 2860). 

Beschränkt sich Mülich thematisch und konzeptionell auf die Ergänzung 
und Fortführung 82 seiner stadtchronistischen Vorlage, so weist Bollstatters 
Arbeit deutlich über diesen Ansatz hinaus. Natürlich setzt auch er die nur bis 
zur Mitte des 14. Jahrhunderts reichende Stadtchronik bis in seine Gegenwart 
fort, doch seine Berichte machen nicht an den Toren Augsburgs halt. Sie 
vereinen Stadt- und Weltgeschichte. Daß Bollstatter mit seiner Bearbeitung 
bewußt auf die ‘Universalisierung 5 der Stadtgeschichte abzielte, ist zwar wahr- 


79 Zusammenstellung der Überlieferung, der deutschen Bearbeitungen und der Druckfas¬ 
sungen bei Colberg [Anm. 67], Sp. 358f. Im Gegensatz zur Königshofen-Chronik konnte 
Meisterlins Werk seine Popularität nicht in das Druckzeitalter hinüberretten. Wohl abge¬ 
schreckt von der nicht sonderlich erfolgreichen freien Bearbeitung Bämlers (eine Auflage 1483) 
brachte eist Melchior Ramminger im Jahr 1522 eine mehr oder weniger vollständige mit 
Holzschnitten versehene Komplettedition auf den Markt Melchior Rammingers Meisterlin- 
Druck zeigt gegenüber dem von Bollstatter benutzten Exemplar an vielen Stellen gravierende 
Auslassungen und Fehler. 

80 Zu Mülichs Meisterlin-Bearbeitung hegt eine umfassende Analyse samt Teiledition von 
Weber [Anm. 5] vor. Webers Arbeit basiert auf den Studien Joachimsohns (Geschichtsschrei¬ 
bung Augsburgs und Humanistische Geschichtsschreibung [Anm. 7]). Zu Hektor Mülich vgl. 
ferner W. Alberts, Hektor Mülich, 2 VL, Bd. 6,1987, Sp. 738-742. 

81 Einige Meisterlin-Passagen aus Bollstatters Cgm 213 sind bei Joachimsohn, Geschichts¬ 
schreibung Augsburgs [Anm. 7], S.139-155, und in der ‘Augsburger Chronik bis 1469* [Anm. 
68], S.285-286, abgedmckt Wertvolle Hinweise auf Bollstatters Arbeit an der Meisterlin- 
Bearbeitung finden sich bei Joachimsohn, Humanistische Geschichtsschreibung [Anm. 7], 
S.84-90, sowie in der oben genannten Arbeit Webers [Anm. 5]. Weber vergleicht, wo immer 
sich Berührungspunkte ergeben (vgl. dazu insb. den Abschnitt über das Türkenbild der 
Augsburger Chronistik), Mülichs und Bollstatters Meisterlin-Bearbeitung. 

82 Abdruck der Fortsetzung bei Weber [Anm. 5], S.263-273. 



76 


Wolf 


scheinlich, doch sein universalhistorisch orientierter Quellenfundus ließ auch 
nichts anderes zu. Teile aus seinem Königshofen-Codex und seinem Königs¬ 
hofen-Druck stehen einträchtig neben seiner fast komplett übernommenen 
SW-Fortsetzung und der erneut ausgiebig genutzten SW des Aalener Stadt¬ 
schreibers. Bollstatters additives Kompilationsverfahren unterscheidet sich 
dabei in dieser jüngsten Fortsetzungsversion nur unwesentlich von dem in 
den vorausgegangenen historiographischen Arbeiten. Allenfalls der themati¬ 
sche Rahmen der Fortsetzungen, früher Weltchronik mit lokaler Prägung, 
jetzt Stadtchronik mit universalhistorischer Ausrichtung, erfahrt eine der 
jeweiligen Materie adäquate Nuancierung. 

Mit der Meisterlin-Bearbeitung ist nicht nur das Ende des chronistischen 
Schaffens Bollstatters markiert. Zugleich spiegelt dieses Werk auch die Ergeb¬ 
nisse von mehr als zwei Jahrzehnten historiographischen Sammelns (‘For- 
schens’) und einem Jahrzehnt geschichtsschreiberischen Schaffens wider. Das 
akkumulative Kompilationsverfahren Bollstatters, ein wohl zu Beginn der 
1470er Jahre entstandener Grundtext (vgl. 2,1) wurde für die unterschiedli¬ 
chen chronistischen Projekte ständig überarbeitet, ergänzt und aktualisiert, 
bedingt, daß in diesem letzten Text wesentliche Teile des chronistischen 
Gesamtwerks faßbar sind. Stellvertretend für die vorausgehenden Werke seien 
deshalb einige besonders prägnante Passagen der Meisterlin-Bearbeitung ex¬ 
emplarisch herausgehoben. 

Ein zentrales Anliegen Sigismund Meisterlins und mit ihm Konrad Boll¬ 
statters war die Aufhellung der von vielen Legenden umrankten Augsburger 
Frühgeschichte. Hat Bollstatter in seiner 1476 verfaßten ‘Augsburger Stadt- 
Weltchronik* die zweifelhaften Passagen noch durch eine anerkannt ‘seriöse’ 
Weltchronik (SW) ersetzt, so geht er bei der Meisterlin-Bearbeitung dezidiert 
auf die Problematik ein. Zunächst übernimmt er Sigismund Meisterlins Argu¬ 
mentation. Vor allem die seit Küchlin so beliebte Troja-Theorie hat dieser im 
dritten Teil des ersten Kapitels seiner Chronik kritisch hinterfragt und dazu 
festgestellt, Das es kain ere sey den Burgern zü Augspurg, das man spricht sie koment 
von Troyern her vnd das es auch nit wol mitt der warheit bestan mag (B1.17 r ). 
Meisterlin beschränkt sich bei der Darstellung der Legende auf knappe Aus¬ 
schnitte aus dem Trojastoff. Konnte er auch, denn für die Augsburgische 
Gründungslegende waren nur einige wenige zentrale Fakten von Interesse; 
zudem durfte man bei einem so hochgebildeten Auftraggeber wie Sigismund 
Gossenbrot die Kenntnis des gerade in Augsburg weit verbreiteten Trojastoffs 
getrost voraussetzen. Anders Konrad Bollstatter. Besonders Meisterlins über¬ 
aus knappe Ausgestaltung der Episode um den Raub der Helena, sie begrün¬ 
det ja das spätere Geschehen, erschien ihm für sein Publikum nicht ausrei¬ 
chend, deshalb hon Ich Cänratt Bollstatter, der daspüchegeschriben hatt 9 [...] Solich 
vorgemeüt geschickten vnd rauben von der schönen helena [...] hiereingesetzt . Darumbe 
daz uil kutt sindt, die das püche vnd hystory uon der grossen Statt troy nicht geksen. 



Konrad Boilstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


77 


gehörtt noch uemomen haben , vnd in uiüeicht dauon nicht kundt noch wissent ist . Das 
sie den grundt dauon dester baß vemement (B1.25 r ). Mit einem ausführlichen 
Einschub (B1.21 r -25 r ) hoffte Boilstatter das Wissensdefizit der viel leutt zu 
beheben. Für seine historiographischen Zwecke hatte Boilstatter natürlich 
eine passende Vorlage parat: das in Augsburg in Handschrift und Druck 
verbreitete ‘Buch von Troja I 5 , 83 eine bereits auf die Fakten beschränkte, 
prosaisierte, dem Ductus einer Chronik angepaßte Bearbeitung. Die gewünschte 
Textstelle 84 brauchte er nur noch wörtlich in seinen Codex zu übertra¬ 
gen. 

Bollstatters umfassender, einer enzyklopädischen Chroniktradition ver¬ 
pflichteter Darstellungsanspruch motiviert auch in den folgenden Abschnit¬ 
ten zahlreiche Einschübe und Ergänzungen. Eine aus regionalgeschichtlicher 
Sicht besonders interessante Passage findet sich im Anschluß an den Bericht 
vom Villacher Erdbeben. Es folgt ein Tanzfrevel bey freyburgan dem Schwartz- 
waldt , 85 Dieser Tanzfrevel aus der Feder des Aalener Stadtschreibers (Schätze 
121) ist vermittelt über die Bollstattersche SW (s.o. 2.2) in die Meisterlin- 
Bearbeitung gelangt. Ebenfalls aus dieser Quelle stammt eine für Bollstatters 
Präferenz für eine nüchtern-sachliche Darstellung kennzeichnende Episode 
zur großen Pestepidemie Mitte des 14. Jahrhunderts. Fast naturwissenschaft¬ 
lich exakt wird der Weg der Epidemie von yenhalb mers bis in unsere Breiten 
nachgezeichnet. Die von der zeitgenössischen, antijüdischen Propaganda 
gezielt gestreuten Gerüchte, die Juden seien als Brunnenvergifter die Verursa- 


83 Zu Handschriften und Drucken dieser Version des Trojanerkriegs , in Augsburg vgl. K. 
Schneider, Der Trojanische Krieg* im späten Mittelalter. Deutsche Trojaromane des 15. 
Jahrhunderts (Philologische Studien und Quellen 40), München 1968, bes. S.74,102-107, und 
K. Alfen/P. Fochler/E. Lienert, Die deutschen Trojatexte des 12.-16. Jahrhunderts. Repertori¬ 
um, in: Brunner [Anm. 78], S.7-196, hier S.51f. (Hector Mülichs Codex: Berlin, SB, mgf 1065), 
53 (Cgm 570) und 104-111 (mindestens 5 Augsburger Troja-Drucke und -Nachdrucke der Jahre 
1474ff. aus den Offizinen Bänder, Sorg, Schönsperger). 

84 Das Exzerpt geht mittelbar auf Konrads von Würzburg Trojanerkrieg* Vers 19442- 
22525 (A von Keller [Hg.], Der Trojanische Krieg von Konrad von Würzburg nach den 
Vorarbeiten K. Frommanns und F. Roths [StLV 44], Stuttgart 1858) bzw. dessen Bearbeitung 
im sog. ‘Buch von Troja F zurück. Eine kurze Beschreibung des Bollstatter-Auszugs sowie 
allgemeine Hinweise auf den Autor, die Entstehung, die Quellen, die Art der Quellenbearbei¬ 
tung und die Überlieferung des ‘Buchs von Troja I* bieten Alfen/Fochler/Lienert [Anm. 83], 
S.47-56 (zu Boilstatter bes. S.55f.). Auf eine zweite, nun Hans Mairs Übersetzung der ‘Historia 
destructionis Troiae* entnommene Ergänzung zur Amazonengeschichte, wird ebd. S.75 verwie¬ 
sen. Als Vorlage Bollstatters für diesen und den zweiten Einschub kommen vor allem die auch 
sonst vielfach von ihm genutzten Erzeugnisse der Bämlerschen Offizin in Frage, zumal Bämlers 
Troja-Drucke das ‘Buch von Troja I* mit einer Fortführung aus Hans Mails ‘Historia destructio- 
nis* überliefern. Die genauen Abhängigkeitsverhältnisse bedürfen einer eingehenderen Prüfung. 

85 Abgedruckt nach der Handschrift des Aalener Stadtschreibers mit Hinweis auf die 
Parallelüberlieferung bei Wolf, Sächsische Weltchronik [Anm. 7], Anhang II; dazu auch K. 
Graf, Gmünder Chroniken im 16. Jahrhundert. Texte und Untersuchungen zur Geschichts¬ 
schreibung der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd, Schwäbisch Gmünd 1984, S.197 Anm. 52. 



78 


Wolf 


eher der Katastrophe, weist er in das Reich der Fabel. Ja er legt sogar die 
Hintergründe für diese Gerüchte und die darauf basierenden Judenverfolgun¬ 
gen und -progrome offen: Ditzs ding beschach alles sampt hett man in nitgellten 
suüen vnd wer man in nit schuldig gewesen, sie weren sein alles übrig worden . Inn allen 
Stetten wurdent die leutt vnder ain ander stössig vnd prachig vmbe der Juden gätt 
(B1.234 v ). 86 Bollstatter bedient sich hier zwar wie üblich der Worte der Vorla¬ 
ge, gibt durch Auswahl und Übernahme dieser Passage aber zugleich sein 
eigenes Geschichtsverständnis preis. 

Mit dem Ende der Meisterlin-Vorlage ändert sich auch der Berichtshori¬ 
zont der Augsburger Stadtchronik. Die nun folgende Fortsetzung lehnt sich 
ganz unmittelbar an die bereits bekannten Fortsetzungen der universalhistori¬ 
schen Werke (s.o.) an. Zahlreiche Passagen werden nun komplett aus den 
Weltchroniken in di^ Stadtchronik transferiert. Hauptquelle ist zunächst die 
SW-Fortsetzung der frühen 1470er Jahre. Auch aus der einige Jahre später 
(1477) im Rückgriff auf diese SW und Bämlers Neudruck von 1476 angefertig¬ 
ten Ergänzung des Bämlerschen Königshofen-Drucks von 1474 (Cgm 7366) 
gelangt nun vieles in die Meisterlin-Fortsetzung. Z.T. vermittelt über diese 
Druckbearbeitung, z.T. direkt dem 1476er Druck entnommen, finden wir 
beispielsweise die zeitgenössischen Berichte der Bämlerschen Königshofen- 
Neuauflage vom Einsturz der Teyberpruggen (257 v ) und den Predigten des 
Johannes Capistranus gegen die spylprett, wuiffel, kartenspyl, schachzabel (258 r ) 
nahezu vollständig in den Fortsetzungstext integriert. 87 Immer wieder insi¬ 
stierte Lokalnachrichten (z.T. aus der ‘Flores TemporunT-Übersetzung) mit 
Preislisten für wein vnd körn , Berichten von Unwettern, Gerichtsurteilen, 
Urteilsvollstreckungen, Bauprojekten und dem Selbstmord einer Frau, die 
hiess die Schneyderin ain Byrschenckin, lassen die lokalen Bezüge zwar nie verges¬ 
sen, doch ist aus der Stadt- längst eine Weltchronik geworden. 

Der fast vollständig ausgeschriebene Königshofen-Teil endet B1.259 r . Es 
folgen Ausschnitte aus der Exzerptensammlung in Cgm 735 (B1.98 v f.) zu einer 
Mißgeburt inn lampartten und Nachrichten zu den Türkenkriegen. 88 Ehe dann 
ein ausführliches dreytzehendes Cappittel Sagt [...] uon hertzog Carelvorn Burgun¬ 
dy (B1.261 v ). 89 Die Schilderung der (Un-)taten Karls gipfelt in der Anklage, 


86 Diese, die Christen bloßstellende Bewertung der antijüdischen Propaganda, geht über 
Königshofen (vgl. Königshofen [Anm. 37], S.759E) auf Matthias von Neuenburg (‘Chronik’, 
hg. von A. Hofmeister, in: MGH SS rer Germ. NS IV, Berlin 1924/40, S.263-272 u. 421-428) 
zurück. 

87 Angesichts wechselnder Lesartenverwandtschaften scheint Bämler sowohl seine Bearbei¬ 
tung des 1474er Drucks als auch die 1476er Neuauflage parallel benutzt zu haben. 

88 Vgl. Weber [Anm. 5], S.139-141, und ders., Karl der Kühne in der Meisterlin-Fortset¬ 
zung des Konrad Bollstatter, in: Porta Ottoniana. Beiträge zur fränk. und bayer. Landesge¬ 
schichte. Fs. Otto Meyer, Bayreuth 1986, S. 138-159 (lag mir nicht vor). 

89 Die Expansionspolitik Karls des Kühnen von Burgund hat in verschiedenen zeitgenössi¬ 
schen Chroniken ihren Niederschlag gefunden; vgl. Weber [Anm. 5], S.80f., 125,140f., 148f. 



Konrad Boilstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


79 


daß er was uerherttet als ain stain Inn krieges Übung . Seihten yernannt uor im genäsen 
kundt wann man müstym täglich das püch des grossen Aüexanders lesen , wie der aUe 
weit überwandt des glichen gelüstet in ouch ze tän [...] aber er uergaß des rechten 
anfangs , das er als ain mächtiger fürste nach cristenlichen rechten zum ersten vechten 
sollt helfen wider die türcken (B1.269 v ). Die Ausführungen lassen plausibel er¬ 
scheinen, warum der im Jahr 1461 einsetzende, scheinbar den chronologi¬ 
schen Rahmen sprengende Abschnitt erst nach den die eigendiche Chronik 
beschließenden Ereignissen der Jahre 1470-1481 folgt. Boilstatter macht den 
Burgunder für die vorhergehenden katastrophalen Niederlagen der Christen 
gegen die Türken (mit-) verantwortlich. Mittels historischer Fakten verbunden 
mit eigenen bzw. adaptierten Stellungnahmen liefert Boilstatter so gleichsam 
eine historisch fundierte Reflexion der Geschehnisse. Augsburg rückt dabei 
vollends in den Hintergrund. 


3. Die chronistische Arbeit 

Konrad Bollstatters literarisch zunächst einmal wenig anspruchsvolles me¬ 
chanisch-wörtliches Abschreibeverfahren darf nicht darüber hinwegtäuschen, 
daß er mehr als ein bloßer Kopist oder Lohnschreiber war. Dem eigendichen 
Schreibprozeß gingen angesichts der jeweils in seinen Werken faßbaren Fülle 
von Quellen sicher umfangreiche Recherchen voraus. Boilstatter scheint 
dabei sogar gelegendich über das in Augsburgs Bibliotheken und Sammlun¬ 
gen sowieso schon überaus reichhaltige Angebot an Texten hinaus, den 
Textfundus weiterer Städte (Aalen?, Nürnberg?) genutzt zu haben. 90 Das 
Material wurde z.T. in Form von Abschriften und Exzerpten gesammelt (vgl. 
Cgm 735). Einige wenige Codices und Drucke wird Boilstatter zudem erwor¬ 
ben haben. Das meiste scheint aber nur zu den jeweiligen Arbeitsvorhaben 
von ihm ausgeliehen oder eingesehen worden zu sein. 

In die eigenen Werke gelangte das gesammelte Material stets im (nahezu) 
originalen Wortlaut, allerdings nicht in wahlloser Aufschwellung eines Basis¬ 
textes, sondern als bewußt zusammengestellte Nachrichtensammlung. Dabei 
verglich, verbesserte, kompilierte und kombinierte Boilstatter seine Vorlagen 
mit einer bisweilen akribischen Genauigkeit. Einige Beispiele seien angeführt. 
In seiner SW werden für ein Ereignis zwei Quellen gegenübergestellt: Darnach 
über vier Jar starb diser Otto der entsatzt was als ain eilender man . Es sagt auch ein 
ander Cronick,daser siech wurd zu hartispurg vnd sturb an der Rür und sty zu 
praunschweig begraben (Schätze 19, 13l rb ). Die ander Cronick war 


90 Als äußerst hilfreich bei der Rekonstruktion der Bollstatterschen Arbeitsmethode erweist 
es sich, daß viele der rezipierten Handschriften und Drucke erhalten bzw. über erhaltene 
Schwesterhandschriften/-drucke faßbar sind. 



80 


Wolf 


Schätze 121, dort heißt es Bl. 13 l va: darnach ward er siech vnd starb ze hartispurg 
an derrürvnd istze brunssweich begraben . Noch eindrücklicher sind die Zeugnis¬ 
se in seiner ‘Augsburger Stadt-Weltchronik\ Nach Vollendung der Chronik 
überprüfte Bollstatter deren gesamten universalhistorischen (SW-)Teil. Lük- 
ken sowie unklare oder fehlerhafte Passagen wurden entweder interlinear oder 
marginal korrigiert bzw. ergänzt. Als Korrekturexemplar nutzte er seine eigene 
SW. Neben diesen Korrekturen zitierte er ebenfalls marginal Nachrichten aus 
anderen Quellen, soweit er sie für die Darstellung als wichtig erachtete. 
Programmatisch erscheint die Einleitung des folgenden Nachtrags: Wir lesen 
auch: Da Josue daz volck uon ysrahel layttet , da lag er auff der erden auff seinem 
antlitz , da erschain im got (Alba Iulia, ll r ). Das Wir lesen auch ist dabei eben 
nicht nur als Topos, sondern durchaus wörtlich zu verstehen - Bollstatter war 
sehr belesen. Er hat sich über diese Stelle (Bibel, Josua 5,14f.) andernorts, 
wohl in einem der Augsburger Bibeldrucke, kundig gemacht und das in 
Erfahrung gebrachte hier wörtlich wiedergegeben. Nach dem gleichen Muster 
ergänzte er auch seinen Königshofen-Druck. Vornehmlich die bei Bämler 
recht kurz geratenen, wohl in seinen Augen zu oft undatierten Abschnitte zu 
den spätrömischen Kaisern boten reichlich Anlaß zu marginalen Erweiterun¬ 
gen, da ein geschehen ding von dem man nitgesagen kan , In welichem Jare oder bey 
weliches kuniges zeytten es geschehen sey. Das sulle man haben für ain Sag mere (Cgm 
7366, 2 V )! 91 Hier orientiert sich Bollstatter an den Prämissen Jakob Twingers 
von Königshofen. Das schon in seinen literarischen und später vor allem in 
seinen chronistischen Arbeiten faßbare Verfahren, möglichst Parallelquellen, 
am besten sogar Parallelhandschriften zu zitieren, erinnert schließlich an die 
Ausführungen Meisterlins in der Vorrede zu seiner ‘Augsburger Stadtchro- 
nik\ Nur daß Meisterlin seine Lesefrüchte auf Zetteln sammelte, auswertete 
und dann kompilatorisch in die Gesamtdarstellung einfließen ließ, Bollstatter 
aber vieles unmittelbar, wörtlich übernahm, also ein weit weniger literarische 
Kompetenz verlangendes kombinatorisches Verfahren bevorzugte. 

Was gerade bei seinen erzählend-fiktionalen und wissensvermittelnden 
Arbeiten meist noch unter den Begriff Abschrift - wenn auch akribisch genau 
und gleichsam redaktionell betreut - zu fassen ist, reicht bei seinen chronisti¬ 
schen Werken bereits in die Autorschaft hinein. 92 Quasi eigenständige Werke 


91 Vgl. G. Kornrumpf [Anm. 78], S.466 Anm. 39. 

92 Nach einer von Bonaventura im Hinblick auf das Werk des Petrus Lombardus geprägten 
Definition des Autorbegriffs: „[...] quadruplexestmodusfaciendi librum. Aliquis enirn scribit aUena, 
nihil addendo vel mutando, et iste mere dicitur scriptor. Aliquis scribit aliena addendo, sed non de suo; et 
iste compilator dicitur. Aliquis scribit et aliena et sua, sed aliena tamquam principalia, et sua tamquam 
annexa ad evidentiam; et iste äcitur commentator non autor. Aliquis scribit et sua et aliena, sed sua 
tamquam principalia, aliena tamquam annexa ad confirmationem et debet dici auctof (Doctoris 
Seraphici S. Bonaventurae S.R.E. Episcopi Cardinalis Opera Omnia, Bd. 1, 1882, S.14f.: 
Quaestio IV), würde man Bollstatter in seinen historischen Arbeiten zwar am ehesten als 
compilator bezeichnen, doch dieser eng gefaßte Autorbegriff ist nicht auf die Chronistik 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


81 


liegen in den Fortsetzungen seiner SW, der Königshofen-Chroniken und der 
Meisterlin-Bearbeitung vor. Wobei ein wohl zu Beginn der 1470er Jahre 
entstandener Grundtext - z.T. faßbar in der Königshofen-Fortsetzung (Cgm 
568) - Jahr für Jahr verbessert, ergänzt und aktualisiert wurde. 93 Als noch über 
das kompilatorische und kombinatorische Wirken bei diesen Fortsetzungsar¬ 
beiten hinausgehend ist seine Tätigkeit bei der Abfassung seiner ‘Augsburger 
Stadt-Weltchronik 5 zu bewerten. Mit Blick auf seine übrigen historiographi- 
schen Texte läßt sich aus den erhaltenen Teilen ein durchaus mit den etablier¬ 
ten Augsburger Stadtchroniken des Anonymus (‘Chronik bis 1469’), eines 
Burkhard Zink, Hektor Mülich oder Erhärt Wahraus vergleichbares Werk 
erahnen. 

Wie sehr sich Bollstatter im Alter der Chronistik zugewandt hat, zeigt ein 
Blick auf die von seiner Hand stammenden Handschriften. Historiographi- 
sche Werke machen in den Augsburger Jahren über die Hälfte des (erhalte¬ 
nen) Textbestandes aus: 

1455-1477 ‘Compendium historiae in genealogia Christi 5 , Reisebeschrei¬ 
bungen [z.T. auch mit historiographischem Charakter] 
usw. (Cgm 252) 

zw. 1470/1474 ‘Compendium historiae in genealogia Christi 5 ; Marginalien 
in den ‘Flores Temporum 5 (Schätze 121) 
nach 1470 Ergänzungen zu Erlingers Königshofen-Handschrift (Cgm 
568) 

1472-1482 GK, Klosterchroniken, Legenden, kleinere Chroniken usw. 
(Cgm 735) 

um 1474 SW mit Fortsetzung bis mind. 1457 (?) (Schätze 19) 

1476 ‘Augsburger Stadt-Weltchronik 5 (Alba Iulia) 

1477 Bearbeitung und Aktualisierung des Königshofen-Drucks von 

Bämler (Cgm 7366) 

1479-81 Sigismund Meisterlin ‘Augsburger Chronik 5 (Bearbeitung und 

Fortsetzung) (Cgm 213) 


übertragbar. Ein Chronist war schon aus der Sache heraus, dem Berichten von Vergangenem, 
unbedingt und ausschließlich den Quellen verpflichtet. Das Eigene mußte sich auf Auswahl, 
Kombination und Kompilation der Quellen beschränken. Nur die Aufzeichnung der Gegen¬ 
wart konnte Eigenes im Sinne Bonaventuras sein. Wenn auch Bollstatters individuelle Leistung 
nicht mit der eines Jacob Twinger von Königshofen, eines Sigismund Meisterlin und schon gar 
nicht mit der eines Martin von Troppau oder Vinzenz von Beauvais zu vergleichen ist, so 
bewegt sich sein chronistisches Schaffen doch genau in diesem Rahmen. 

93 Im Angesicht der jeweils über mehr als ein bzw. zwei Jahrzehnte zusammengetragenen 
Samelcodices Cgm 252 und 735 scheint Bollstatter seit Mitte der 1450er Jahre bis zum Ende 
seines Schaffens dreißig Jahre später stets bemüht gewesen zu sein, neues chronistisches 
Material zusammenzutragen. 



82' 


Wolf 


Wenn auch Konrad Bollstatter keine größere Bibliothek sein Eigen nennen 
konnte 94 , so fällt doch auf, daß neben der Losbuchsammlung Cgm 312 einige 
der im Alter angefertigten vorwiegend historischen Handschriften kaum für 
den Verkauf, eher für seine eigene Privatsammlung bestimmt waren. Mit 
großer Sicherheit gilt dies für die SW und die ‘Augsburger Stadt-Weltchro- 
nik\ Auch die Sammelhandschriften Cgm 252 sowie Cgm 735 hat Bollstatter 
angesichts der langen Entstehungszeit von jeweils 10 bzw. 20 Jahren wohl für 
sich selbst - als Musterbuch und/oder Materialsammlung - zusammengetra¬ 
gen. 95 Neben eigenen Abschriften tauchen mit der SW aus der Feder des 
Aalener Stadtschreibers, dem von Johannes Erlinger angefertigten Sammelco¬ 
dex Cgm 568 (Königshofen mit Bollstatter-Nachtrag, versch. Annalen und 
Legenden, Ulrichslegende, ‘Renner’-Auszug, lat. Traktate und Gedichte), den 
‘Flores Temporum’ und dem 1474 aufgelegten Bämlerschen Königshofen- 
Druck zudem mehrere nicht von ihm stammende Bücher in seinem Besitz¬ 
kontext auf. Zusätzlich zu den genannten von ihm selbst angefertigten, 
bearbeiteten oder direkt ‘zitierten’ historiographischen Handschriften müssen 
angesichts der vielen Textvarianten, Kompilationen und Kombinationen in 
seinen Codices ungleich mehr durch seine Hände gegangen sein. Ich erwähne 
hier nur den Burchard-Druck des Klosters St. Ulrich und Afra, Steinhöwels 
Übersetzung der ‘Flores temporum’, verschiedene Augsburger ‘Troja’- und 
Bibel-Drucke, eine MT-Übersetzung, zahlreiche Lorcher Texte (wohl aus St. 
Ulrich und Afra), weitere Legenden und Viten. Bollstatter verstand es augen¬ 
scheinlich, das literarische Potential der Reichsstadt Augsburg, sei es in Form 
von Handschriften und/oder Inkunabeln, bestens zu nutzen. 

Bei einer derart umfangreichen und aufwendigen historiographischen Tä¬ 
tigkeit drängt sich die Frage nach den Auftraggebern, dem Publikum und 


94 Zu Bollstatters Besitzverhältnissen und seinen wohl spärlichen Steuerleistungen s.o. 
Kap. 1. 

95 R. Micus, Augsburger Handschriftenproduktion im 15. Jahrhundert, ZfdPh 104 (1985) 
411-424, hier S.414, sieht alle Bollstatter-Handschriften im “Verkaufskontext”. Ihre Bewertung 
beruht auf der falschen Annahme, die Codices seien samt und sonders „entweder Prachthand¬ 
schriften bzw. unvollendete oder stark beschädigte, aber grundsätzlich auch als solche angeleg¬ 
te Hss.“ Vor allem der Cgm 252 mit seinen zahlreichen (17 Werke!), fast immer unvollständig, 
z.T. nur ausschnitthaft überlieferten Texten und den aus älteren Handschriften zusammenge¬ 
tragenen Fragmenten erweckt eher den Eindruck, die ‘lieferbaren Texte* Bollstatters zu reprä¬ 
sentieren. Vielleicht hat Bollstatter diesen Sammelcodex seinen Kunden zur Auswahl vorgelegt, 
die dann anhand der anzitierten Abschnitte ihre Wünsche Vorbringen konnten. In jedem Fall 
finden sich später sowohl Steinhöwels ‘Griseldis 5 (158 r -163 v ) als auch der in Cgm 252 nur als 
Titel vertretene ‘Ackermann aus Böhmen’ (176 v ) - nun komplett - in dem mit Federzeichnun¬ 
gen ausgestatteten Bollstatter-Codex 75.10 Aug. 2° der HAB (vgl. Röll: Besprechung [Anm. 
10], S.493ff. mit der Vermutung, bei den Textstücken in Cgm 252 handele es sich “um die 
[posthume?] Sammlung der traurigen Reste von Abschriften Bollstatters”). Ähnlich scheint es 
sich mit einigen anzitierten Texten im Cgm 735 zu verhalten. Die im Cgm 735 nur als 
Anfangspassage vertretene Burchard-Übersetzung liegt beispielsweise komplett in der Dresde¬ 
ner Handschrift H 171 vor (s.o.). 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


83 


etwaigen Werkstattzusammenhängen auf. Abgesehen von den meist kleineren 
chronistisch-analistischen Texten erinnert die Zusammenstellung der Boll- 
statterschen Werke zunächst an das Textrepertoire eines auf Vorrat schreiben¬ 
den Berufsschreibers. Die von ihm angefertigten Codices enthalten Texte wie 
Mandevilles Reisebeschreibung, Teile des ‘Eckenlieds 5 , Fragmente aus Losbü- 
chem und ein eigenes Losbuch, Teile der ‘Melusine 5 , Rudolfs von Ems 
‘Willehalm von Orlens 5 , Peter Suchenwirts ‘Liebe und Schönheit 5 , Heinrichs 
von Steinhöwel ‘Appolonius von Tyrus 5 und ‘Griseldis 5 , Konrads von Megen- 
berg ‘Buch der Natur 5 , Sprüche des Teichners, Legenden, Sterbebücher, des 
Petrus Pictaviensis ‘Compendium historiae in genealogia Christi 5 , die ‘Gmün¬ 
der Kaiserchronik 5 , Königshofen, Meisterlin, die SW, Augsburger Chroniken 
und Annalen und noch einiges mehr. Von biblischen, naturwissenschaftli¬ 
chen, höfischen und chronikalen bis hin zu Legendentexten ist ein breiter 
Querschnitt der spätmittelalterlichen Literatur vertreten. Daß zumindest eini¬ 
ge der oft mit Miniaturen ausgestatteten literarischen Handschriften für den 
Verkauf bestimmt gewesen sein dürften, liegt auf der Hand. 

Doch gerade die chronistischen Handschriften passen angesichts der Über- 
lieferungs- und Nutzungssituation kaum in dieses Bild. Sie werden über 
mehrere Jahre, ja Jahrzehnte, immer wieder für die Erstellung und Bearbei¬ 
tung neuer Texte genutzt, verbleiben also offensichtlich in Bollstatters Besitz. 
Was sich bisher im Zusammenspiel mit den literarischen Texten wie ein den 
reichsstädtischen Bedürfnissen angepaßtes Textprogramm ausnahm, muß nun 
auch, vielleicht sogar vornehmlich, als Materialsammlung für eine kleine 
historisch-chronistische Bibliothek bzw. als Vorarbeiten für umfangreichere 
chronistische Arbeiten, die allerdings durchaus für den Verkauf bestimmt sein 
konnten, gedeutet werden. Am ehesten könnte man dies bei der mit zahlrei¬ 
chen Federzeichnungen reich ausgestatteten Meisterlin-Bearbeitung (Cgm 
213) annehmen. 96 

Aus Sicht eines möglichen Werkstattzusammenhangs verlangt die Königs¬ 
hofen-Erstausgabe erhöhte Aufmerksamkeit. Die Bämlersche Druckfassung 
schließt sich unmittelbar an die Rephon-Version an, und eine Handschrift 
dieses Typs (Cgm 568) befand sich zur Zeit der Drucklegung im Besitz 
Bollstatters. In diesem Zusammenhang besonders auffällig ist, daß der sicher 
nicht gerade vermögende Bollstatter bald nach dem Erscheinen ein Exemplar 
des Drucks erhielt, welches er wiederum unmittelbar nach dem Erscheinen 
der überarbeiteten und fortgesetzten Neuausgabe (‘Chronik von allen Kai- 


96 Vgl. dazu den Hinweis auf viel leutt [...], die das pücbe vnd hystory uon der grossen Statt troy 
nicht gelesen gehörtt noch uemomen haben, vnd in uilleicht dauon nicht kundt noch wissent ist (B1.25 T ). 
Damm fugt er, Konrad Bollstatter, eine umfängliche Troja-Episode in seine Chronik ein. Trotz 
des sicher topischen Charakters dieser Sentenz läßt sich aus diesem Hinweis mit der gebotenen 
Zurückhaltung ableiten, daß der Text für ein breiteres, literarisch nicht unbedingt versiertes 
Publikum bestimmt gewesen zu sein scheint. 



84 


Wolf 


sern, Königen und Päpsten’, GW 3163) aus einem quasi noch druckfrischen 
Exemplar ergänzen konnte. Hat Bämler vielleicht einem Berater bzw. Mitar¬ 
beiter Konrad Bollstatter als Dank für dessen Hilfe bei der Königshofen- 
Druckvorbereitung ein Exemplar überlassen? Eine engere Beziehung Bämler - 
Bollstatter erscheint auch angesichts anderer Bämlerscher Druckausgaben, die 
zumindest in ähnlicher Form auch als Bollstatter-Handschriften vorliegen, 
denkbar. Zu nennen wären hier unter anderem die ‘Melusine* (1474 = Hain 
11064), der ‘Apollonius von Tyrus* (1476 = GW 2274), Konrads von Megen- 
berg ‘Buch der Natur* (1478 u. 1481 = Hain 4042 u. 4043), ‘Griseldis* (1472 
in: Hain 10005), ‘Melibeus* (1473 = Hain 11048), der ‘Trojabuch’-Druck 
(1474 = GW 7233) und der Meisterlin-Auszug vom ‘Ursprung und Anfang 
Augsburgs’ (1483 = GW 2860). 97 Verbindungen zu anderen Augsburger Druk- 
kern sind ebenfalls nicht auszuschließen. Erwähnt seien hier nur die zahlrei¬ 
chen in Augsburg von Johann Blaubirer, Johann Schönsperger, Anton Sorg 
und dem Kloster St. Ulrich und Afra angefertigten Druckausgaben verschie¬ 
denster Geschichtswerke aus dem Umfeld Bollstatters. 98 

Auf eine eher sekundäre Beziehung zu den Druckern deutet die von K. 
Graf identifizierte Übersetzung der Burchard-Ausgabe des Klosters St. Ulrich 
und Afra. Wie schon bei den von Bollstatter angefertigten Kopien hand¬ 
schriftlicher Vorlagen fallen auch in dieser Druckübersetzung ganz charakteri¬ 
stische Bearbeitungsmerkmale auf. So wird der Text nicht einfach abgeschrie¬ 
ben - hier übersetzt -, sondern aus zahlreichen zusätzlichen Quellen ergänzt, 
wo nötig korrigiert und aktualisiert. Offenbart sich in dieser Art der Textver¬ 
besserung bzw. Textaufbereitung vielleicht die Marktnische, in der sich Boll¬ 
statter (auch gegen die expansive Druckproduktion) behaupten wollte und 
konnte? 


97 Um die Verbindungen Bollstatters zur Offizin Bämlers zu klären, wird es erforderlich 
sein, die relevanten Drucke Bämlers auf ‘Bollstatter-Einflüsse’ zu untersuchen. Schriftliche 
Belege, Akten oder Urkunden zu diesem Komplex konnten bisher nicht ausgemacht werden. 
Für die historischen Druckausgaben Bämlers ergibt sich folgendes Bild: die Meisterlin-Teilbear- 
beitung vom ‘Ursprung und Anfang Augsburgs 5 (1483) zeigt an vielen Stellen Anklänge an die 
ebenfalls auf Meisterlin basierende ‘Augsburger Stadt-Weltchronik 5 Bollstatters. Noch enger 
sind die Beziehungen zwischen der Königshofen-Erstausgabe (1474) bzw. deren Bearbeitung 
‘Chronik von allen Kaysem, Königen und Päpsten 5 (1476ff.) und Bollstatters Königshofen- 
Codex. Eine Klärung der Abhängigkeitsverhältnisse im Hinblick auf ein mögliches Beschäfti¬ 
gungsverhältnis wird erst eine hier nicht zu leistende Kollation der entsprechenden Handschrif¬ 
ten und Drucke erbringen können. 

98 Einen Überblick über die historiographischen Inkunabeldrucke bietet Brincken [Anm. 
41], S.215-236; vgl. D. Mertens, Früher Buchdruck und Historiographie. Zur Rezeption 
historiographischer Literatur im Bürgertum des deutschen Spätmittelalters beim Übergang vom 
Schreiben zum Druck, in: B. Moeller, H. Patze, K. Stackmann (Hgg.), Studien zum städti¬ 
schen Bildungswesen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit (Abhh. d. Akad. d. Wiss. 
in Göttingen. Philol.-hist. Klasse 3. Folge Nr. 137), Göttingen 1983, S.83-111, und allg. Künast, 
Gedruckt zu Augsburg [Anm. 41]. 



Konrad Bollstatter und die Augsburger Geschichtsschreibung 


85 


Fast so spärlich wie das Wissen um seine eigene Sammlung und die 
Beziehung zu den Augsburger Druckern ist das Wissen um Bollstatters ‘Kun¬ 
denkreis’ während der Augsburger Zeit. Nur von einer einzigen Handschrift 
ist der Auftraggeber bekannt. Die 1481 fertiggestellte ‘Biblia Pauperum’ gab 
der Augsburger Bürgermeister Jörg Sulzer in Auftrag. Möglicherweise sind 
auch verschiedene andere Codices für Mitglieder des Augsburger Patriziats 
oder die ihm von früheren Tätigkeiten bekannten Adligen der Umgebung 
entstanden. Dies ist insbesondere für die mit Federzeichnungen ausgestatte¬ 
ten Handschriften Wolfenbüttel, HAB, Cod. 75.10 Aug. 2° (1468, ‘Apolloni- 
us von Tyrus’, ‘Griseldis 5 , ‘Guiskard und Sigismunda’, ‘Ackermann’), Berlin, 
SB, Mgf564 (1472, ‘Sprüche’ des Teichners und Heinrich Kaufringers), HAB, 
Cod. 37.17 Aug. 2° (1474, ‘Buch der Natur’), Cgm 758 (Sterbebücher, Eucha¬ 
ristietraktat), Berlin, SB, Mgf. 722 (1482, ‘Weltgerichtsspiel’) und die mit 21 
kolorierten Federzeichnungen prachtvoll ausgestattete Meisterlin-Bearbeitung 
(1479-81) anzunehmen. Vielleicht gerade für diesen Kundenkreis interessant 
waren auch die gleich mehrfach im Bollstatter-Repertoire auftauchenden 
verfeinerten Drucktexte: überarbeitete und aktualisierte Inkunabelabschriften 
bzw. -ergänzungen wie beispielsweise die Burchard-Übersetzung nach der 
Ausgabe des Klosters St. Ulrich und Afra oder die Königshofen-Bearbeitung 
auf der Basis des Bämlerschen Drucks von 1474. In beiden Fällen bietet 
Bollstatters Version einen weitaus umfangreicheren, detaillierteren und vor 
allem aktuelleren Text als die gedruckte Vorlage. 

Als Fazit bleibt festzuhalten, daß man in Zukunft auch den ‘Chronisten’ 
Konrad Bollstatter differenzierter in den Blick nehmen muß. Die Hintergrün¬ 
de seiner chronikalen Tätigkeit bleiben jedoch weitgehend im Dunkeln. Die 
oben skizzierten chronikalen Handschriften überliefern zwar allesamt Texte, 
die insbesondere für die historisch Interessierten der Führungsschicht Augs¬ 
burgs von Interesse waren, aber einen konkreten (personalen) Hinweis sucht 
man vergebens. Die Dedikations-Miniatur" in seiner Meisterlin-Bearbeitung 
- Meisterlin überreicht seine Chronik dem Rat der Stadt (Cgm 213,12 v ) - mit 
der Stadtpir und den Wappen der vornehmsten Geschlechter Augsburgs 
(Rehlinger, Welser, 2x Langenmantel, Hofmaier, Ridler, Frickinger, Gossen¬ 
brot, Nördlinger 100 ) läßt jedoch erahnen, in welchem Kontext die chronisti- 

99 Lehmann-Haupt [Anm. 25], Abb. Nr. 62, und Weber [Anm. 5], Abb. Nr. 127. 

100 Zu den Wappen vgl. Siebmachers Wappenbuch [Anm. 9], T. 2, Nr. 207-208 u. 214-217, 
und Weber [Anm. 5], Abb. Nr. 98-104 u. ebd. S.59-63 zum Dedikationsbild im Mülich- 
Exemplar (Al). Die unmittelbare Abhängigkeit dieser und aller übrigen Miniaturen von den 
Meisterlin-Chroniken Al (Augsburg) und z.T. St (Stuttgart) verbietet zunächst eine weiterge¬ 
hende Interpretation, doch bei aller Ähnlichkeit fallt auf, daß Bollstatter gegenüber Hektor 
Mülich Bartholomeus IV. Welser sowie Sigmund Gossenbrot zusätzlich abbildet und Georg 
Strauß durch Ulrich Hofmaier ersetzt, nur ein Zufall? Weber (S.61) vermutet als Ursache 
Rivalitäten zwischen Mülich und den Genannten. Zu den Miniaturen vgl. Lehmann-Haupt 
[Anm. 25], S.126 u. 207f. Nr. 23; K. Schneider, Die deutschen Handschriften der Bayer. 
Staatsbibliothek. Cgm 201-350, München 1970 [Catalogus codicum manu scriptorum Biblio- 



86 


Wolf 


sehen Arbeiten entstanden sein dürften, zumal sich vor allem die beiden 
stadtgeschichtlichen Werke - seine ‘Stadt-Weltchronik’ wie die Meisterlin- 
Bearbeitung - unmittelbar an die chronistische Arbeit der berühmten Vorgän¬ 
ger und Zeitgenossen anschließen. Bollstatter gehörte zwar nicht wie Erhard 
Wahrhaus und Hektor Mülich zur städtischen Oberschicht. Auch bekleidet er 
nicht wie Burkhard Zink wichtige Positionen in der städtischen Verwaltung, 
und von prominenten Auftraggebern, wie sie Küchlin oder Sigismund Mei- 
sterlin mit den damals einflußreichsten Augsburger Bürgern Peter Egen und 
dem später kaum weniger einflußreichen Sigismund Gossenbrot vorzuweisen 
haben, erfahren wir gleichfalls nichts. Aber die Entstehungsbedingungen der 
gesamten chronistischen Produktion in Augsburg sind doch so ähnlich, 101 
daß auch Bollstatters Schaffen nur in diesem Kreis der städtischen Führungs¬ 
eliten vorstellbar ist. 102 Konkret wäre an den Augsburger Bürgermeister Jörg 
Sulzer, Mitglied einer der reichsten Familien der Stadt und Auftraggeber der 
1481 von Bollstatter ausgelieferten ‘Biblia Pauperum’ 103 , zu denken. Auch 
etwaige Beziehungen zu den an chronistischen Texten überaus interessierten 
Druckern dürfen nicht aus den Augen verloren werden. Um die historiogra- 
phische Situation im Augsburg der 1460er bis 1490er Jahre vollständig zu 
erfassen, wird man neben den in der Forschung ‘etablierten’ Augsburger 
Chronisten nun auch den Namen Konrad Bollstatter und, was hier nur 
angedeutet werden konnte, die Augsburger Drucker - allen voran Johann 
Bämler - zu berücksichtigen haben. 

Anschrift des Verfassers: 

Dr. des. Jürgen Wolf 

Institut für deutsche Philologie des Mittelalters 
FB 08 - Universität Marburg 
D-35032 Marburg 

thecae Monacensis V,2], S.47, und Weber [Anm. 5], S.59-63 u. Abb. 73-104 (alle Miniaturen 
aus Mülichs Meisterlin-Abschrift Al). 

101 Nur vordergründig nicht in dieses Bild paßt der im Kloster St. Ulrich und Afra mit 
annalistischen Aufzeichnungen betraute Johannes Frank. Doch die im Jahr 1433 in das 
Bürgerrecht der Stadt aufgenommene Reichsabtei St. Ulrich und Afra war mit den Geschicken 
der Stadt aufs engste verknüpft. Dies belegen nicht nur zahlreiche Stiftungen der vornehmsten 
Ratsfamilien Egen, Lauginger, Ridler, Langenmantel, Gossenbrot usw. eindrücklich (vgl. Lieb¬ 
hart [Anm. 4 ], S.137f.). Aus der engen Verbindung des Klosters zur Stadt und deren 
Führungselite erklärt sich auch, daß Franks Annalen ein überaus positives Bild des bürgerlichen 
Augsburg zeichnen. Dieses positive Verhältnis trübte sich erst Ende der 1460er Jahre, als der 
städtische Einfluß auf das Kloster zu groß wurde und die Reformäbte Melchior von Stamm¬ 
heim (1458-74) und Heinrich VIII. Fries (1474-82) sogar die Eigenständigkeit gefährdet sahen. 

102 Eine durchaus ähnliche Konstellation chronistischen Schaffens begegnet uns in Stra߬ 
burg, Regensburg, Nürnberg, Lübeck, Köln und Bremen. Dort waren es wie in Augsburg meist 
Mitglieder der städtischen Führungsschicht und städtische Offizielle, die entweder selbst oder 
als Mäzene, Initiatoren und Auftraggeber die städtische Chronistik beförderten. Vgl. Schmidt 
[Anm. 2], S. 18-23, mit Beispielen aus Dortmund, Soest, Nürnberg, Lübeck, Basel, Köln, Erfurt, 
Breslau, Bern, Görlitz usw. 

103 Wirth [Anm. 9], S.506.